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4.4.2005 | Von:
Benyamin Neuberger

Israel und Deutschland: Emotionen, Realpolitik und Moral

Moralische Realpolitik

Realpolitik hat einen schlechten Ruf, denn nur zu oft ist es eine unmoralische Politik, eine Politik der Macht und der Gewalt, des "sacro egoismo". Aber es kann auch Realpolitik geben, in der das nationale Interesse nicht den Werten der Menschenrechte, des Friedens und des Fairplay in den internationalen Beziehungen entgegensteht. Moralische Realisten - anders als Moralisten - erkennen einen Pluralismus der Werte; Schwarz-weiß-Malerei ist ihnen fremd. Sie würden Oliver Wendell Holmes zustimmen: "The man who knows that he must find his way in a maze of principles is superior to the messianic man of principle."[65] Auch für Niels Hansen gibt es keinen unbedingten Gegensatz zwischen Moral und Ratio, denn auch bei Kant basiere Moral auf Vernunft. Für Hansen "gehören Moral und Staatsräson bei kluger weitsichtiger Politik zusammen. Sie sind nicht antithetisch, sondern komplementär."[66]

Das große Bild der israelischen Deutschlandpolitik ist das einer moralischen Realpolitik. Hier und da gab es Ausnahmen, Fälle, in denen die Realpolitik amoralische Züge annahm. Ein Beispiel ist die Bevorzugung der CDU und der Industrie gegenüber der SPD und den Gewerkschaften durch Botschafter Shinnar in den fünfziger Jahren (weil die einen an der Macht waren und die anderen in der Opposition). Ben-Gurion dagegen pflegte eine Synthese zwischen Moral und Realpolitik, die manchmal schwer zu trennen ist. So stelle "das andere Deutschland" für die Welt keine Gefahr mehr dar (Realpolitik), denn es habe aus den historischen Erfahrung gelernt (Moral). Die Beziehungen zu Deutschland trügen nach Auffassung Ben-Gurions zur Stellung Israels in der Welt bei (Realpolitik) und zur Sicherung seiner Existenz (Moral). Eine Politik, die Deutschland in die Arme der arabischen Welt triebe, stellte eine "Dummheit" dar (Realpolitik) und ein "Verbrechen", weil sie die Überlebenden der Shoah gefährde (Moral). Ben-Gurion und diejenigen, die ihn in seiner Deutschlandpolitik unterstützten, hatten die Politik Frankreichs gegenüber Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg vor Augen, die sich ebenfalls aus Realpolitik und Moral speiste.[67]

So sind die Beziehungen zwischen Israel und Deutschland ein Beispiel dafür, dass die Dichotomie zwischen Realpolitik und Moral in der Außenpolitik oberflächlich und falsch sein kann. Die Realisten, die für Beziehungen mit Deutschland waren, taten dies nicht nur, weil es realen Interessen diente. Ihre Politik hatte ideelle und moralische Dimensionen. Die Unterscheidung zwischen "nationalen Egoisten", die nur Interessen, keine Moral, und Idealisten, die nur Moral und Prinzipien, aber keine Interessen kennen[68], ist eine Vereinfachung der komplexen Welt, in der wir leben.


Fußnoten

65.
Zit. nach: K. W. Thompson (Anm. 1), S. 50.
66.
N. Hansen (Anm. 5), S. 238.
67.
Vgl. B. Neuberger (Anm. 56), S. 91.
68.
Vgl. Robert Osgood, Ideals and Interests in America's Foreign Relations, Chicago 1953, S. 8.