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4.4.2005 | Von:
Yfaat Weiss

Rückerstattung und Heimkehr

"Wiedergutmachung"

Die skeptischen Historiker tun sich mit Recht schwer, in der Rückerstattung von jüdischem Eigentum und in der "Wiedergutmachung" ein moralisches Vorbild zu sehen. Denn der Prozess der Rückerstattung des Eigentums und der "Wiedergutmachung" sah eher wie ein Schlichtungsverfahren zwischen sich widersprechenden Versionen aus,[5] in dem sich die deutsche Seite von der Absicht leiten ließ, Schuld und Schulden gegenüber den jüdischen Opfern gering zu halten. Wie bei jedem Schlichtungsverfahren waren beide Seiten auf einen Schlichter angewiesen. Die Rückerstattung des Eigentums war eine Verfügung der Alliierten. Sie bestimmten durch Gesetze und Verordnungen, dass die Deutschen den überlebenden Juden ihr Eigentum zurückerstatten, und durch die obersten Gerichtshöfe beaufsichtigten sie die deutschen Ämter und griffen in Fällen von fehlender Zustimmung ein.[6]

Die Rückerstattung des Eigentums wurde zum Dialog: Das jüdische Opfer klagte sein verlorenes Eigentum ein, während die "deutsche Seite", in einer abstoßenden Mischung aus ehemaligen Arisierern und aktuellen Politikern, versuchte, ihre Verantwortung zu mindern. Die wirtschaftlichen Verluste der Juden von 1933 an wurden von den tatsächlichen historischen Umständen der rassischen Verfolgung getrennt. Es handelte sich um einen Dialog von Menschen, die nicht miteinander sprachen. Sofern ein Ausgleich durch Vermittlung der Gerichte der Westmächte erreicht wurde, war dieser von Vagheit und Anonymität des Täters begleitet. Die Rolle der "Arisierer" wurde vertuscht; übrig blieb der Nazismus als namenloser Spieler.[7]

In Österreich spielte sich der Vorgang anders ab. Das nationale Selbstverständnis als "erstes Opfer Nazideutschlands" war einer der Gründe dafür, dass der Prozess der Rückerstattung des Eigentums und der Wiedergutmachung im Vergleich zu Westdeutschland noch langsamer und nur unvollkommen vonstatten ging.[8] In den ersten Jahren wurden lediglich die Dinge, die in ihrer ursprünglichen materiellen Form erhalten blieben, zurückerstattet, und auch diese nur teilweise. Was materiell verloren war, wurde nicht zurückerstattet. Erst in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre begann Österreich allmählich, Holocaust-Überlebende für verlorenes Eigentum zu entschädigen. Die österreichische Version, so kann man grob zusammenfassen, strebte nach einer Annullierung der Vergangenheit im gleichen Maße, wie sich der Gegenstand verlor. Zu einer Entschädigung für verlorene Einnahmen, Gesundheit oder Ausbildung kam es in Österreich jahrzehntelang nicht. Geraubte Kunstgegenstände wurden erst in den späten neunziger Jahren zurückgegeben, so zum Beispiel die Bildersammlung der Familie Rothschild, die, anders als bei einem Kunstraub, in dem die Kunstgegenstände heimlich ihren Weg zu anonymen Händlern und Käufern finden, bis zu diesem Zeitpunkt im hellen Tageslicht des Kunsthistorischen Museums in Wien ausgestellt war.


Fußnoten

5.
Vgl. Tobias Winstel, Über die Bedeutung der Wiedergutmachung im Leben der jüdischen NS-Verfolgten. Erfahrungsgeschichtliche Annäherungen, in: Günter Hockerts/Christina Kuller (Hrsg.), Nach der Verfolgung. Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts in Deutschland?, Göttingen 2003, S. 199 - 227.
6.
Vgl. Jürgen Lillteicher, Rechtsstaatlichkeit und Verfolgungserfahrung. "Arisierung" und fiskalische Ausplünderung vor Gericht, in: Constantin Goschler/ders. (Hrsg.), "Arisierung" und Restitution. Die Rückerstattung jüdischen Eigentums in Deutschland und Österreich nach 1945 und 1989, Göttingen 2002, S. 127 - 159.
7.
Vgl. Constantin Goschler, Die Politik der Rückerstattung in Westdeutschland, in: ders./J. Lillteicher (ebd.), S. 99 - 125, bes.S. 103, 105.
8.
Vgl. Brigitte Bailer-Galanda, Die Rückstellungsproblematik in Österreich, in: ebd., S. 161 - 188.