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4.4.2005 | Von:
Yfaat Weiss

Rückerstattung und Heimkehr

Schwächen der Kompensation

Die Forschung kann leicht die eklatante Schwachstelle des Kompensationsprozesses im Rahmen des paradigmatischen deutsch-jüdischen Modells aufzeigen: Die Beweislast hatten die Überlebenden zu tragen, die gezwungen wurden, unter schwierigen und häufig demütigenden Umständen Dokumente beizubringen, welche als Konsequenz der Verfolgungen eben nicht mehr rekonstruiert werden konnten. Angesichts ihres Gesundheitszustandes benötigten die Überlebenden ferner die Billigung einer medizinischen Kommission und mussten dabei erniedrigende Untersuchungen über sich ergehen lassen.[9] Die Kompensationsleistungen bestimmten sich nicht nach dem Leid und dem Raub, sondern gemäß Zugehörigkeit und Herkunftsort. Die ehemaligen deutschen Juden erhielten höhere Kompensationen als die osteuropäischen und wurden in vielen Kategorien entschädigt, in denen die osteuropäischen Opfer nicht kompensationsberechtigt waren. Überlebende, die ihren Fall in Deutschland verhandelten, erhielten höhere Kompensationsleistungen als diejenigen, die versuchten, ihre Ansprüche von anderen Ländern aus wahrzunehmen. Betroffene aus dem kommunistischen Ostblock erhielten erst nach 1990 Entschädigungszahlungen.

Diese Fakten, von denen einige seit Jahren bekannt sind und andere erst jetzt bekannt werden, können jedoch nicht den Anspruch von der fundamentalen und weit reichenden Bedeutung der Kompensationsprozesse entkräften. Gewiss sind jene Stimmen, die deren Bedeutung hervorheben, nicht blind gegenüber den Schwachstellen der Kompensationsprozeduren. Würde man ihnen aber Naivität unterstellen, täte man ihnen Unrecht. Denn was ihre Einschätzung so einzigartig macht, ist das Bewusstsein dafür, dass unsere herkömmliche Vorstellung von Gerechtigkeit für die Beurteilung von historischen Prozessen des Übergangs keine Gültigkeit hat. Derselbe Ansatz, der die Relativität von historischer Gerechtigkeit in Übergangsmomenten anerkennt,[10] ermöglicht es zur gleichen Zeit, sich auf die fundamentale Bedeutung, die hinter der materiellen Praxis steht, zu konzentrieren.

Charles Maier weist darauf hin, dass "reaching agreement must in effect desacralize the loss, no matter what the protest of the victims or survivors. That is precisely the point of the exercise: to remove the losses from the realm of the sacred, the never-to-be-forgiven, into the realm of the politically negotiated. Just the process of such negotiation indicates that communication is being resumed. The hitherto opposed parties - perpetrators and victims - are reaching across the gulf of historical hatred to resume a dialogue that will allow them to live together under some overarching rules of comity and coexistence."[11] Nur durch eine Anerkennung der dem Prozess innewohnenden Ambivalenz kann er richtig verstanden werden.


Fußnoten

9.
Vgl. M. Kestenberg, Discriminatory Aspects of the German Indemnification, in: Martin S. Bergman / Milton E. Jucovy, Generations of the Holocaust, New York 1982; vgl. auch: Workshop "The Practice of Wiedergutmachung". Nazi-Victims and Indemnification in Israel and Germany, 1952 - 2002, Kulturwissenschaftliches Institut Essen vom 24. bis 27. Juni 2004, www.ruhr-uni-bochum.de/lehrstuhl-ng2/veranstaltungen.htm.
10.
Vgl. Claus Offe, Varieties of transition: the East European and East German experience, Cambridge, Mass. 1996.
11.
Charles S. Maier, Overcoming the Past? Narrative and Negotiation, Remembering, and Reparation: Issues at the Interface of History and the Law, in: J. C. Torpey (Anm. 1), S. 295 - 304, S. 297f.