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4.4.2005 | Von:
Yfaat Weiss

Rückerstattung und Heimkehr

Rekonstruktion der Geschichte

Der Prozess der Rückerstattung des Eigentums und der Wiedergutmachung gleicht einer Rekonstruktion der Geschichte. Um eine angemessene Entschädigung zu erhalten, wurden die Antragsteller gezwungen, Dokumente vorzulegen: über das Haus, das Geschäft, die Position, die Ausbildung. All diese Stationen bestätigten die Geschichtsversion von der breiten jüdischen Assimilation in Deutschland vor 1933 im Sinne einer materiellen Kultur der Verbürgerlichung und der Klassen- und Kulturzugehörigkeit. Es bestand somit von vornherein eine innere Spannung im Prozess der Wiedergutmachung: Um Kompensation für erlittenes Unrecht zu erhalten, musste die Geschichte des Erfolgs rekonstruiert werden, während der Prozess wiederum das tragische Scheitern der Assimilation offenbarte. Dazu kam das Ungesagte: Reparationen machen die Toten nicht wieder lebendig, sondern stellen allenfalls die historische Ehre und Stellung der Lebenden wieder her. Diejenigen, die für sich Wiedergutmachungszahlungen ablehnten, taten es auch deshalb, weil sie das Angebot, gewissermaßen aufgrund des Schicksals der Ermordeten weiterzuleben, zurückwiesen.

Für die Überlebenden schufen Wiedergutmachungszahlungen und die Rückerstattung des Eigentums eine neue Dynamik. Obwohl der Besitz nicht in Gänze zurückgegeben wurde - immerhin etwas wurde zurückerstattet, und mittels des Besitzes auch etwas von dem materiellen und symbolischen Wesen der jüdischen bürgerlichen Identität in Deutschland. Es war leicht und effektiv, die Forderungen während eines Aufenthalts in Deutschland zu verfolgen. So verhielt es sich auch in Österreich. Paradoxerweise wurden die ermüdenden bürokratischen und juristischen Prozeduren zum Hebel der Rückkehr der Juden. Viele kamen, um ihre finanziellen Angelegenheiten zu regeln, und "blieben hängen". Der Wiederbeginn jüdischen Lebens in Deutschland nach 1945 ist eng mit den Prozessen der Rückerstattung und der Wiedergutmachung verbunden.

Der Neubeginn erhielt damit einen Beigeschmack, der Licht auf das Leben der jüdischen Deutschen vor 1933 wirft. Die Zurückkehrenden waren zur Rückerstattung und Wiedergutmachung auf die Vermittlung von Rechtsanwälten und Gerichten angewiesen. Und hier finden sich auch die Schattenseitender Kompensationsprozesse, denn die deutsche "Zivilgesellschaft", so Constantin Goschler, der die Prozesse der Wiedergutmachung breit erforscht hat, erlitt eine eindeutige Niederlage. Sie erkannte ihre Verantwortung für den Raub und den Diebstahl nicht an und neigte dazu, in der "Arisierung" jüdischen Eigentums in den dreißiger Jahren einerseits einen normalen Geschäftsvorgang, andererseits ein Problem staatlichen, nicht gesellschaftlichen Handelns zu sehen. Angesichts der Schwäche der Zivilgesellschaft war die Stellung der Juden in Deutschland nach 1945 nun erneut von Staat und Gesetz abhängig, eine lange in Deutschland bestehende Tradition.

So erfuhren jüdische Lebensmuster in Deutschland auf paradoxe Weise ihre Kontinuität. Die späten vierziger und besonders die fünfziger Jahre sahen nicht nur eine lediglich teilweise und überdies mangelhafte Korrektur der Verbrechen der Nationalsozialisten, sondern in vielerlei Hinsicht setzten sich auch Traditionen der zwanziger und dreißiger Jahre fort: Isolierung der Juden, Missgunst ihnen gegenüber, Schwäche der Zivilgesellschaft und die Abhängigkeit der Juden von Staat und Gesetz.