APUZ Dossier Bild

4.4.2005 | Von:
Yfaat Weiss

Rückerstattung und Heimkehr

Ökonomie und Ehre

Eine völlig unterschiedliche und grundlegend andere Bedeutung nehmen individuelle Entschädigung und Reparationen im Hinblick auf die neue Heimat der Überlebenden an. Konfrontiert mit zwei Alternativen - einerseits der Verlust an Würde und Selbstrespekt, wie es manche Überlebende des Holocausts bei Entgegennahme der Kompensationsleistung empfanden, andererseits das Ausschlagen der Entschädigungszahlungen -, entschied sich der Staat Israel für die erste Variante. Zum zweiten Mal innerhalb von weniger als zwei Jahrzehnten war die Leitung der Jewish Agency gehalten, eine Entscheidung in Sachen materieller Wertübertragung aus Deutschland zu treffen. Sie hatte scheinbar zwischen einer prinzipiellen Haltung des Anstandes und wirtschaftlichem Zwang zu wählen.[12] In beiden Fällen entschied sie sich eher für das wirtschaftliche Interesse und nicht für die Ehre.

Das erste Mal war es im Rahmen des so genannten Transferabkommens geschehen, welches die Jewish Agency mit dem Reichswirtschaftsministerium 1933 unterzeichnete.[13] Die Prinzipien des Abkommens weisen eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit denen der späteren Reparationsvereinbarungen mit der Bundesrepublik Deutschland auf. In beiden Verträgen erhielten die Juden eine Entschädigung für ihr Eigentum in Form von Gütern, welche Deutschland nach Palästina bzw. Israel exportiert. In den dreißiger Jahren war es das Eigentum der verfolgten Juden, welches in deutsche Güter konvertiert wurde, während es in den fünfziger Jahren der Umtausch und die Entschädigung für das Eigentum der ermordeten Juden war.

Trotz der furchtbaren historischen Kluft, welche die beiden Zeitpunkte voneinander trennt, haben beide Abkommen denselben Charakter: Sie dienten den politischen bzw. ökonomischen Interessen Deutschlands, sie boten eine Antwort auf die existenziellen Schwierigkeiten, in denen sich der Jeschuv - die jüdische Gemeinschaft im britischen Mandatsgebiet Palästina - bzw. der Staat Israel befanden, sie standen dem jüdischerseits erklärten Boykott entgegen und trugen später nach dem Krieg zu einer Rehabilitation Deutschlands bei.

Es ist nicht verwunderlich, dass in den internen Dokumenten des Staates Israel in der Anfangsphase die Reparationen "Transfers" genannt wurden.[14] Die verblüffende Ähnlichkeit der externen Charakteristika rechtfertigt dies ohne Zweifel. Das "Transferabkommen" schien als politische Vorlage besonders nützlich, da es auf eine Möglichkeit hinwies, erwünschte wirtschaftliche Kontakte mit Deutschland getrennt von unerwünschten persönlichen Kontakten betreiben zu können.[15] Darüber hinaus gingen die ersten Initiativen zum Wiedergutmachungsabkommen von Personen aus, die auf Grund der Kenntnis Deutschlands und der Rechtsverhältnisse bereits an der Gestaltung des Transferabkommens beteiligt gewesen waren, darunter deutsche Zionisten wie Max Kreutzberger, Georg Landauer und Giora Josephtal, um nur einige zu nennen.


Fußnoten

12.
Vgl. Neima Barzel, Dignity, hatred and memory - reparations from Germany. The debates in the 1950s, in: Yad Vashem Studies, 22 (1994), S. 247 - 280.
13.
Vgl. Werner Feilchenfeld/Dolf Michaelis/Ludwig Pinner, Haavara-Transfer nach Palästina und Einwanderung deutscher Juden 1933 - 1939, Tübingen 1972.
14.
Das Gleiche gilt für ein Interview, das der israelische Außenminister im Vorfeld der Verhandlungen gegeben hat, vgl. Yechiam Weitz, The Road to Wassenaar; how the decision on direct negotiations between Israel and Germany was approved, in: Yad Vashem Studies, 28 (2000), S. 311 - 350.
15.
Vgl. Neima Barzel, The Attitude of Jews of German Origin in Israel to Germany and Germans after the Holocaust, 1945 - 1952, in: Leo Baeck Institute Yearbook, 34 (1994), S. 271 - 301, hier S. 290.