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4.4.2005 | Von:
Yfaat Weiss

Rückerstattung und Heimkehr

Die symbolische und materielle Bedeutung der Reparationsleistungen

Mit diesem unbekannten Kapitel israelischer Geschichte wende ich mich abschließend einer politischen Episode aus dem Sommer 1959 zu. Es handelt sich um die ersten sozialen Unruhen in Israel, bekannt als "Unruhen von Wadi Salib", einem Stadtteil von Haifa. Der Hintergrund waren die anhaltenden Diskriminierungen. Der Aufstand wurde von verarmten und arbeitslosen jüdischen Einwanderern aus Marokko ausgerufen. Die Tumulte waren der erste öffentliche Ausdruck ihrer Notlage und blieben bis heute das Paradebeispiel für ethnische Spannungen in Israel. Die Randalierer griffen mehrere Institutionen der Staatspartei Mapai an. Damit signalisierten sie der politischen Macht ihre Kritik, die sie für das Versagen ihres Integrationsprozesses verantwortlich machten.

Scheinbar ohne Zusammenhang mischten sich antideutsche Parolen in die Unruhen, etwa Kritik an den (geheimen) militärischen Verhandlungen zwischen Israel und Deutschland. Als David Ben Haroush - der Anführer der Unruhen und bis dahin völlig unbekannt - vor die Regierungskommission gerufen wurde, die zur Untersuchung des Vorfalls eingerichtet worden war, erhob er schwerwiegende Anschuldigungen gegen das israelische Establishment. Seine Vorwürfe betrafen vor allen Dingen die auf Vorurteilen beruhende Benachteiligung auf dem Arbeitsmarkt und die diskrimierende Wohnungspolitik.

In seinem Protest machte er zweierlei für die sozialen Nöte der marokkanischen Juden verantwortlich. Zum einen verwies er auf die Vorteile, die den europäischen Immigranten in Israel infolge von besonderen Vergünstigungen zugute kamen, die nur ihnen und nicht den Juden aus arabischen Ländern zugestanden wurden, inklusive der Reparationszahlungen aus Deutschland. Zum anderen beklagte er die ihnen gewährte institutionelle Bevorzugung in der staatlichen Wohnungspolitik.[20] Eines der Kommissionsmitglieder, der Jurist Klebanov, wollte das nicht auf sich sitzen lassen. Es war schnell klar, dass Ben Haroush ein Tabu der israelischen Gesellschaft berührt hatte. "Wo haben Sie in Marokko gelebt?", fragte er Ben Haroush und nahm dabei unbeabsichtigt die Rolle des Anklägers ein. "In Casablanca", antwortete jener. "Und in was für einem Haus?", fragte Klebanov. "In einem Haus, das wirklich nicht schlecht war", antwortete Ben Haroush. "Wieviele Räume?" fuhr Klebanov fort. "Vier von uns lebten in anderthalb Zimmern - Vater und Mutter, meine Schwester und ich. Aber sehen Sie, ein Raum ist ein Raum! Ich habe nicht gesagt, dass ich in Marokko reich gewesen bin." "Stellen Sie sich nur einmal vor", hielt Klebanov ihm entgegen, "dass es Leute aus Europa gibt, die in luxuriösen Wohnungen gelebt haben."

Diese Bemerkungen von Klebanov führen zur symbolischen und materiellen Bedeutung der Reparationsleistungen im Gewebe der israelischen Gesellschaft zurück. Ben Haroushs Argument, welches die Entschädigungszahlungen aus Deutschland als verantwortliches Element für die ethnische Kluft identifizierte, war zweifelsohne im materiellen Bereich korrekt. Allerdings identifizierte er ebenfalls ein Schlüsselelement in der symbolischen Sphäre, und dies wird der Auslöser für die Irritation Klebanovs gewesen sein: Flüchtlinge, die eine Entschädigung erhalten, sind keine.

Das 20. Jahrhundert hat uns daran gewöhnt, den Flüchtling als eine statische Erscheinung zu sehen, oder, wie ihn Liisa Malkki in ihren Studien definiert, als jemanden, der sich außerhalb der kosmologischen Ordnung der Dinge befindet.[21] Die Juden aus Deutschland in erster Linie und teilweise diejenigen aus dem übrigen Europa hatten einen besonderen Status im Staat Israel, weil die Kompensationsprozesse ihnen eine symbolische Rehabilitation erteilten. Es waren die Entschädigungsvorgänge, die der Welt von gestern Wirkung auf die Gegenwart verliehen.

Die Situation der Juden aus den arabischen Ländern war eine völlig andere. Ihre Welt von gestern wurde nicht anerkannt. Es ist zu bezweifeln, dass es Klebanov gelang, den großen Raum von Ben Haroush in Casablanca zu besichtigen. In dieser Phase hatte Ben Haroush keinerlei Beweise und war daher allein ein Bewohner des Stadtteils Wadi Salib von Haifa, ein Quartier am Fuße des Carmel-Berges in der Nähe des Hafens und der unteren Stadt, dessen ursprünglich muslimische Bewohner es während des Kriegs 1948 verlassen hatten.


Fußnoten

20.
Vgl. Staatsarchiv, Untersuchungskommission der Wadi Salib-Unruhen, Aussage von David Ben Haroush am 26.7. 1959, Ordner 7253/1, S. 16.
21.
Vgl. Liisa H. Malkki, Purity and Exile. Violence, Memory, and National Cosmology among Hutu Refugees in Tanzania, Chicago 1995, S. 9.