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7.3.2005 | Von:
Dieter Senghaas

Wie den Frieden in Töne setzen?

Werkangebote

Nun ist die strenge ästhetische Theorie, so folgewirksam sie auch war und in gewisser Hinsicht immer noch ist, eine Sache,[3] das beeindruckende Werkangebot von Komponisten und Komponistinnen eine ganz andere. Denn das auf die Friedensproblematik ausgerichtete Angebot ist zum einen quantitativ beeindruckend; aber vor allem zeichnet es sich durch eine erstaunliche thematische Breite aus.[4]

Es gibt nur wenige Werke, in denen sich Vorahnungen über eine sich abzeichnende Katastrophe, den drohenden Krieg, andeuten. Der Krieg selbst ist natürlich vielfach Gegenstand von Kompositionen geworden: manchmal in unbeschwertem Sinne, früher oft in militaristischer Absicht, aber heute vor allem in Werken, die den Willen zum Frieden aktivieren wollen. Die Fürbitte um den Frieden und die Erwartung des Friedens im Krieg sind häufig Gegenstand von Kompositionen gewesen, auch der Dank für den wiedergewonnen Frieden, allerdings in früheren Kompositionen nicht selten als Dank für gewonnene Siege. Im letzten Jahrhundert standen Kompositionen im Vordergrund, die sich durch einen Trauer- und Klagegestus auszeichnen: Der Krieg erscheint darin als menschenverachtend und inhuman. Im 20. Jahrhundert waren auch Anti-Kompositionen, also vor allem antimilitaristische Musik, die sich auch schon im 17. Jahrhundert, im zeitlichen Umkreis des Dreißigjährigen Krieges, auffinden lässt, besonders eindrucksvoll, ebenso Musik gegen Gewalt, Repression, Tyrannis, Not und Rassismus. Mit der positiven, konstruktiven oder gar affirmativen Darstellung des Friedens tun sich Komponisten schwer, früher nicht anders als heute; dieser Sachverhalt ist kein anderer als in den Geistes- und Sozialwissenschaften, einschließlich der Friedensforschung. Aber solche Versuche gibt es - mit und ohne Textunterlegungen.

Dieses Spektrum von Angeboten soll im Folgenden, jeweils mit einigen wenigen Beispielen, illustriert und ausführlicher dargestellt werden.[5]


Fußnoten

3.
Vgl. Carl Dahlhaus, Die Idee der absoluten Musik, Kassel 19942. Besonders erhellend ist der Aufsatz von Jürg Stenzl, "Reinlichkeitsgefühl in Kunstdingen". "Politische Musik" - Skizze einer Begriffsgeschichte, in: MusikTexte, (1999) 39, S. 48 - 55.
4.
Die diesem Beitrag zugrunde liegende topische Gliederung des Werkangebots ist das Ergebnis einer umfassenden Sichtung von ca. 400 einschlägigen klassischen Kompositionen, die von Musikschaffenden in Europa und später auch in Nordamerika zwischen dem Spätmittelalter und heute vorgelegt wurden. Eine ausführliche Darlegung findet sich in meinem Buch Klänge des Friedens. Ein Hörbericht, Frankfurt/M. 2001. Dieses Buch findet eine Ergänzung in einer CD-ROM: Frieden hören!, hrsg. vom Institut für Friedenspädagogik Tübingen (www.friedenspaedagogik.de). Sie enthält Musikausschnitte, Kommentare und Hintergrundmaterialien zur Thematik.
5.
Neuere Beiträge, in denen die hier zu behandelnde Thematik eingehend bearbeitet wird, finden sich nunmehr auch in: Hartmut Lück/Dieter Senghaas (Hrsg.), Vom hörbaren Frieden, Frankfurt/M. 2005.