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7.3.2005 | Von:
Dieter Senghaas

Wie den Frieden in Töne setzen?

Fürbitte um den Frieden

Der unerbittliche Rhythmus der Pauke - marschierende Truppen, aufeinanderprallende Militärmaschinerien symbolisierend - kann auch ganz anderes versinnbildlichen: nämlich Angst vor dem nahenden Krieg, auch Abwehr und Protest, also eine Antikriegshaltung, aus der die Friedensfürbitte erwächst. Ein eindrucksvoller Beleg findet sich im "Agnus Dei" von Haydns Missa in Tempore Belli (1796). Diese Komposition, auch "Paukenmesse" genannt, entstand in bedrängter Zeit: Die französischen Truppen hatten in Italien Sieg um Sieg errungen. Die Geschichtswissenschaft spricht von einem glänzenden Feldzug Bonapartes. Französische Truppen standen in der Steiermark und drohten, weiter vorzurücken. Im "Agnus Dei" hört man, vermittels des Einsatzes der Solo-Pauke, den Feind aus der Ferne heranmarschieren. Solange die französische Armee im eigenen Lande stand, durfte, amtlicherseits befohlen, von Frieden nicht geredet werden. Doch Haydn konnte die Liturgie der Messe nutzen, um nicht nur vom Frieden zu reden, sondern ihn auch mit seinen kompositorischen Mitteln regelrecht zu fordern. Das flehende "miserere nobis" ist eingebunden in den unerbittlichen Rhythmus der Solo-Pauke; das "dona nobis pacem" hört sich an wie: "Wir wollen, wir fordern Frieden!", kraftvoll von Fanfaren unterstützt.

In Beethovens Missa solemnis (1819 - 1823) hatte dann Haydns Anliegen eine nach Beethoven nicht wiederholte, wahrscheinlich auch nicht wiederholbare Zuspitzung erfahren: Im "Agnus Dei" dieser Messe werden, wie wohl an keiner anderen Stelle in der Musikgeschichte, Krieg und Frieden in ihrem antipodischen Charakter als dramatisches Ringen um Frieden und gegen den Krieg thematisiert. Die angsteinflößenden "Kriegsszenen" fanden zeitgenössische Kritiker regelrecht deplatziert und plädierten für deren Streichung aus der Messe-Komposition und den Aufführungen - welches Unverständnis! Auch in Beethovens "Agnus Dei" zieht sich letztendlich das Militärisch-Kriegerische zurück. Es entsteht der Eindruck, als ob der Wille zum Frieden und der Frieden selbst über den Krieg gesiegt hätten. Dieser Friede stellt sich aber nicht gefällig, nicht leichthin und schon gar nicht deklamatorisch ein. Er ist in der Komposition das Ergebnis einer dramatischen Auseinandersetzung, von großer Anspannung: Das Ende - Frieden - ist nicht vorstellbar ohne die vorhergehenden Angstschreie und den Blick in die Abgründe, die "timidamente" darzustellen sind. Und dieser Friede, ganz kurz nur intoniert, dokumentiert sich nicht, wie man vielleicht bei Beethoven erwartet, mit apotheotischem Gestus; er bleibt brüchig und hörbar gefährdet, so wie Thomas Hobbes im 16. Kapitel des Leviathan (1651) den Sachverhalt beschrieb: "The nature of war consisteth not in actual fighting, but in the known disposition thereto, during all the time there is no assurance to the contrary." Beethovens Klangwelt hinterlässt ebensolchen Eindruck: "No assurance to the contrary."[7]

Auch zeitgenössische Komponisten haben diesem Widerstreit zwischen Krieg und Frieden, wie er sich oft in der Friedensfürbitte spannungsvoll dokumentiert, kompositorischen Ausdruck zu geben versucht, so beispielsweise Arthur Honegger in seiner Sinfonie Nr. 3 "Liturgique" (1946) oder Antal Doráti in seiner Sinfonie Nr. 2 "Querela Pacis" (1985). Im Übrigen gehört die Friedensfürbitte zu jenen kompositorischen Topoi, die seit dem Spätmittelalter quer durch die Musikgeschichte von Komponisten immer wieder aufgegriffen worden sind, allerjüngst u.a. von Katherine Hoover in Quintet Da Pacem (1988) und Violeta Dinescu in Dona nobis pacem (1987).


Fußnoten

7.
Zur Problematik der Interpretation von Musikwerken am Beispiel der Missa solemnis vgl. HartmutMöller, Wie kann Frieden hörbar werden?, in: H.Lück/D. Senghaas (Anm.5), S. 51 - 78.