APUZ Dossier Bild

7.3.2005 | Von:
Dieter Senghaas

Wie den Frieden in Töne setzen?

Klagemusik

Das 20. Jahrhundert kannte im Großen und Ganzen und von plakativer Auftragsmusik abgesehen keine triumphierenden musikalischen Reaktionen mehr auf gewonnene Siege. Der Krieg erschien jetzt vielmehr als eine zivilisatorische, gesellschaftliche und menschliche Katastrophe. In den Kompositionen wurden Tod, Trauer und Klage thematisiert. Immer noch aktuell wirken hierbei auch Kompositionen aus dem 17. Jahrhundert, der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, in denen einst den Leiden des furchtbaren, lang anhaltenden mörderischen Krieges Ausdruck verliehen wurde ("Friedens-Seufftzer").

Protest, Trauer, Bewältigung von Schmerz, Verzweiflung, Wut: Das sind Stichworte, die sich im Hinblick auf das 20. Jahrhundert vor allem auf Karl Amadeus Hartmanns Kompositionen, die in diesem Zusammenhang an erster Stelle zu nennen sind, beziehen lassen. Einzelne Kompositionen dieses Komponisten zu nennen wäre willkürlich, denn das gesamte Lebenswerk dieses Künstlers, an dessen 100. Geburtstag in diesem Jahr erinnert wird, richtete sich gegen Diktatur, Gewalt und Krieg, besonders eindrucksvoll das Concerto funebre für Solo-Violine und Streichorchester (1939).[9] Andere Komponisten haben Orte extremer Barbarei zum Ausgangspunkt ihrer Kompositionen gemacht: Guernica, Rotterdam, Lidice, Katyn, Auschwitz, Dresden, Hiroshima, aber auch Nanking, eine Stadt, in der japanische Truppen in einem Massaker 300 000 Chinesen ermordeten - eine bis vor kurzem weithin verdrängte Untat, die erst neuerdings ihre Dokumentation (Iris Chang) und ihre kompositorische Bearbeitung (Bright Sheng) erfahren hat.[10]

Wenn in den fünfziger Jahren und danach die These formuliert wurde, der Zivilisationsbruch, wie er sich im 20. Jahrhundert in mehrfacher Hinsicht und an mehreren Orten ereignete, sei unverarbeitet geblieben und eine "Unfähigkeit zu trauern" sei zu diagnostizieren, so gilt diese Beobachtung keineswegs für eine beachtliche Zahl von politisch sensiblen Komponisten. Im Gegenteil: Große ausdrucksstarke, einem breiten Publikum bekannt gewordene Werke von Arnold Schönberg, Paul Hindemith, Benjamin Britten, Michael Tippett, Krzysztof Penderecki, Hans Werner Henze, Luigi Nono, Isang Yun, Klaus Huber und anderen dokumentieren Trauerarbeit, so wie die nach 1933 entstandenen Werke von Karl Amadeus Hartmann solche Trauerarbeit gewissermaßen schon antizipierten, was ihren unvergleichlichen Stellenwert in dieser Hinsicht ausmacht: nämlich eine Trauerarbeit nicht ex post, sondern ex ante![11]


Fußnoten

9.
Vgl. Hanns-Werner Heister, "Ich sitze und schaue auf alle Plagen der Welt ..." Karl Amadeus Hartmanns Komponieren gegen Faschismus und Krieg, in: ebd., S. 166 - 191. Aus Anlass der Erinnerung an den 100. Geburtstag von Hartmann vgl. Ulrich Dibelius (Hrsg.), Karl Amadeus Hartmann. Komponist im Widerstreit, Kassel 2004.
10.
Vgl. Hartmut Lück, Orte des Schreckens. Aufschrei, Empörung und stummes Entsetzen in der Musik des 20. Jahrhunderts, in: H. Lück/D. Senghaas (Anm. 5), S. 499 - 518.
11.
Vgl. hierzu die Beiträge von Peter Petersen über Hans Werner Henze, von Hartmut Lück über Luigi Nono, von Walter-Wolfgang Sparrer über Isang Yun und von Max Nyffeler über Klaus Huber, in: ebd.