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7.3.2005 | Von:
Dieter Senghaas

Wie den Frieden in Töne setzen?

Anti-Kompositionen

Ein durch Gewalt, Unterdrückung, Not, Vorurteile, Feindbilder, Nationalismus und Rassismus geprägtes 20. Jahrhundert musste zwangsläufig Abwehr und Protest provozieren, an erster Stelle natürlich antimilitaristische Kompositionen. Dabei könnte gelten: Je subtiler die Darstellung, umso wirkungsvoller das entsprechende Werk. Beispielsweise, wenn in Gustav Mahlers "Revelge", einem militärischen Weckruf (enthalten in Lieder nach Gedichten aus "Des Knaben Wunderhorn", veröffentlicht 1899), ein verwundeter, sterbender Soldat, von seinen Kameraden liegen gelassen, noch einmal die Trommel rührt und er mit anderen Gefallenen, einer Geisterarmee also, den Feind schlägt und, geisterhaft, das Nachtquartier wieder erreicht: "Des Morgens stehen da die Gebeine in Reih und Glied, sie steh'n wie Leichensteine, die Trommel steht voran, dass sie (das Schätzlein) ihn sehen kann."[12] Kurt Weill, Hanns Eisler, Paul Dessau und Stefan Wolpe wären in diesem Zusammenhang zu nennen. In ihren Kompositionen kommen legitimerweise agitatorische Impulse zum Tragen. Die entscheidende Frage dabei ist nicht: Agitation, ja oder nein, sondern ob es Künstlern gelingt, den agitatorischen Impuls ästhetisch überzeugend zu bearbeiten und zu vermitteln.[13]

Anti-Kompositionen sind politische Werke. Der Sachverhalt ist unleugbar und unüberhörbar im Hinblick auf zahlreiche Werke, die insbesondere in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gegen Tyrannis, Militärdiktatur, Folter, Polizeiterror, Machtgier, Ausbeutung, Armut und Rassismus und explizit für Widerstand, Revolution und Freiheit verfasst wurden. Widerständiges Gegenwartsbewusstsein zu provozieren ist ihre Absicht. Es sind abgründige Hörbilder, die sich in solcher Musik auftun, vergleichbar den konkret erfahrbaren Abgründen in einer widerwärtigen politischen Realität. Dass die Finsternis von der Herrlichkeit des Lichts künden möge ("per aspera ad astra"), ist eine Hoffnung, die angesichts solcher Weltlage viele Komponisten nachweisbar nicht mehr zu teilen vermögen. Und also erwachsen aus Anti-Kompositionen keineswegs notwendigerweise ausdifferenzierte Friedensvisionen, anders als im Motto Michael Tippetts, eines dem Pazifismus zutiefst verpflichteten Komponisten, unterstellt: "The darkness declares the glory of light."


Fußnoten

12.
Stefan Hanheide, Erzählungen von nicht mehr zu erreichendem Frieden. Mahlers Musik im politischen Kontext, in: ebd., S. 109 - 125.
13.
Vgl. Albrecht Dümling, Der Krieg als permanenter Anachronismus. Drei Komponisten um Brecht: Hanns Eisler, Kurt Weill und Paul Dessau, in: ebd., S. 126 - 146.