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7.3.2005 | Von:
Hartmut Lück

Musik in einem unfriedlichen Zeitalter

Das "Zeitalter der Extreme" zeitigte seine Extreme nicht nur in Politik und Gesellschaft, sondern auch in einem weiten Spektrum von Kompositionen.

Einleitung

Komponisten leben mit ihren Klangvorstellungen nicht zufällig in einer bestimmten Epoche, sondern sind von den gesellschaftlichen und kulturgeschichtlichen Geschehnissen ihrer Lebenszeit nicht zu trennen. Als Ludwig van Beethoven die Schiller-Zeile "Alle Menschen werden Brüder" komponierte - im Finale seiner Neunten Sinfonie (1822 - 1824) -, konnten er und die begeisterten Hörer der Uraufführung am 7. Mai 1824 in Wien, erfüllt von aufklärerisch-demokratischen Ideen, noch daran glauben, dass dieses Ziel tatsächlich erreichbar sei. Aber schon wenige Jahrzehnte später wich dieser Glaube einer affirmativ-religiösen Weltflucht (Anton Bruckner) oder einem Skeptizismus (später Johannes Brahms), dem die "Durch Nacht zum Licht"-Sinfonik so nicht mehr möglich war; seit der Jahrhundertwende neigte manch ein Komponist eher zu Perspektiven des Zweifels oder gar des Untergangs als zu tönenden Visionen einer friedlichen Welt vereinter Völker. Gustav Mahlers Sechste Sinfonie (1903 - 1904) mit ihren obsessiven Marschrhythmen und ihren alles vernichtenden Hammerschlägen im Finale kündigt eine unheilvolle Zukunft, die des Ersten Imperialistischen Weltkrieges, bereits als klingendes Menetekel an, ebenso wie der gewalttätige "Marsch" der Drei Orchesterstücke op. 6 (1914 - 1915) von Alban Berg.