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16.2.2005 | Von:
Bernd Weisbrod

Generation und Generationalität in der Neueren Geschichte

"Generation" - eine Begriffsbestimmung

Trotz des öffentlichen Rangs, den die Generationsfrage insbesondere im Hinblick auf die demographische Krise des Wohlfahrtsstaates genießt, und trotz des Ausbaus der Sozialgeschichte zur Kultur- und Erfahrungsgeschichte kann man "bisher eigentlich noch nirgendwo (von einer) existierenden Generationengeschichte"[4] reden. Aber der Begriff der Generation hat Konjunktur. Im öffentlichem Sprachgebrauch wird beinahe wie selbstverständlich auf ihn zurückgegriffen: Man redet vom "Generationenvertrag" in der Rentenreformdebatte,[5] von der "politischen Generation" in der Gegenüberstellung der 89er- und der 68er-Generation,[6] von der "Generation Golf" - eins oder zwei - als Selbststilisierung in der Konsumwelt[7] oder von der "ersten" und "zweiten Generation" in der Erinnerungskultur der Opfer- wie der Tätergesellschaft.[8] Es gibt Erzähl- und Gedächtnisgenerationen, und natürlich auch Historikergenerationen, deren Ablösung nun sogar für eine besonders raffinierte Vererbung des Mitläuferdiskurses in der Zeitgeschichte verantwortlich gemacht werden soll.[9] Ein Grund für diesen fast inflationären Begriffsgebrauch liegt sicher in der lebensweltlichen Evidenz, wonach - ebenfalls nach Dilthey - die Grundform des menschlichen Verstehens in der biographischen Erfahrung selbst zu suchen sei. So glaubt man unter dem Begriff der Generation dasselbe zu verstehen, weil er den Anschein einer natürlichen und daher universalen Lebenserfahrung erweckt. Jeder glaubt zu wissen, welcher Generation er oder sie angehört, oder besser - weil Generation ja ein Differenzbegriff ist - welcher er oder sie nicht angehört. Tatsächlich legt die gegenwärtige Trivialisierung und Entleerung des Schlagworts "Generation" in immer neuen Kombinationen - bis zur "Generation X" - ein Gesetz der Mediengesellschaft offen, das auch historisch auf den Konstruktionscharakter eines jeden historischen Generationsentwurfs verweist.[10] Für die Berufung auf die Generation gilt also beides: Erfahrungszusammenhänge werden durch den Generationsschlüssel gleichermaßen erschlossen wie mobilisiert.[11]

Das gilt schon für den klassischen historischen Ort des neuzeitlichen Generationsbegriffs bei Karl Mannheim.[12] Seine Unterscheidung von "Generationslagerung", "Generationszusammenhang" und "Generationseinheit" scheint nicht nur dem klassischen marxistischen Problemgegensatz der "Generation an sich" und der "Generation für sich" verpflichtet. Sie folgt auch dem Bild des elitär-bürgerlichen Jugendauftrags zur männlichen Erlösung. Was als gesellschaftlich-materialistische Problemdefinition erscheint, erweist sich bei näherer Betrachtung als ein Problem der emphatischen Vergemeinschaftung. Mannheims Entwurf mag sich zwar von der Grundströmung des "generationellen Fundamentalismus"[13] seiner Zeit intellektuell absetzen, aber auch er berief sich auf die von dem Kunsthistoriker Wilhelm Pinder entlehnten "Entelechien" als entscheidendes Generationsmerkmal. Wo sich diese "kollektiven Wollungen" nach Mannheim gegen konkurrierende "Wollungen" derselben Generation durchsetzen, findet sich eine "Generationseinheit". Hier zeigt sich aber, wie Lutz Niethammer formuliert hat, dass das Erbe Hegels in einer "lebensphilosophisch-existentialistischen" Gestalt auftritt: Bei Mannheims Generationsbegriff handele es sich um ein "Konzept für das Verständnis von hegemonialem Geist unter Verwendung generationeller Aspekte und nicht um ein allgemeineres Verständnis von Generationsphänomen"[14] überhaupt.

Man ist also gut beraten, sich dieser Problematik des historischen Generationsbegriffs bewusst zu bleiben, wenn man die jüngsten Debatten darauf hin befragt, ob und wie diesem doppelten Dilemma des Generationsbegriffs zu entkommen ist: der lebensweltlichen Evidenz und der emphatischen Überdetermination. Ein erster Schritt ist quasi die "Verflüssigung" der Generationen als "Wille und Vorstellung" im Erfahrungsbegriff der Generationalität. Generation in diesem Sinne bezeichnet "ein Ensemble von alterspezifischen inhaltlichen Zuschreibungen, mittels derer sich Menschen in ihrer jeweiligen Epoche verorten".[15] Im Kern geht es also darum, die Spur der generationellen Subjektivität, die Mannheim für seine Zeit ausgelegt hat, als Konstitutionsmerkmal von historischer Dynamik überhaupt zu prüfen.[16]

Die Forschungslandschaft zur Geschichte der Generationen weist einen weitgehend unvermittelten Diskussionsstand auf, nicht zuletzt weil die soziologische und historische, literatur- und kulturwissenschaftliche Literatur von einem oftmals ungeklärten und konträren Generationsverständnis ausgeht. Ohne Generation zu sein, gilt inzwischen schon fast als ein Makel, insbesondere für die schon von Karl Mannheim so genannten "Zwischengenerationen", die keinen hegemonialen Deutungsanspruch geltend machen konnten. Dabei haben diese "stillen" Generationen auf ihre Weise vielleicht mehr zum gesellschaftlichen Wertewandel beigetragen als die polarisierenden Generationen im Sinne Karl Mannheims, die im Begriff der "politischen Generationen" weiterleben.[17] Im familiären Kontext ist die grundsätzliche "Ambivalenz" der Generationsbeziehungen unbestritten, eben weil es sich um die dauernde Wiederkehr von Ablösung und Identifikation handelt.[18] Aber die Übertragung dieser Modelle auf die gesellschaftliche Generationenfolge greift zu kurz. Es müsste zugespitzt und umgekehrt gefragt werden, wie und warum aus solchen kollektiven Ablösungs- und Identifikationsprozessen eigentlich historische Generationen entstehen.[19]


Fußnoten

4.
Hans-Ulrich Wehler, Kursbuch der Beliebigkeit: Das 'Kompendium' der 'Neuen Kulturgeschichte' , in: ders., Konflikte zu Beginn des 21. Jahrhunderts, München 2003, S. 178.
5.
Vgl. Otto Hondrich, Katalysator Katastrophe. Betrachtungen über den Generationenkonflikt, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 19. Dezember 2002.
6.
Vgl. Claus Leggewie, Die 89er. Portrait einer Generation, Hamburg 1995; Heinz Bude, Das Altern einer Generation. Die Jahrgänge 1938 bis 1948, Frankfurt/M. 1995.
7.
Florian Illies, Generation Golf. Eine Inspektion, Berlin 2000; ders., Generation Golf 2, Berlin 2003.
8.
Vgl. Jürgen Straub, Unverlierbare Zeit, verkennendes Wort. Nach der Shoah: Sekundäre Traumatisierung der "zweiten Generation", in: Kirstin Platt (Hrsg.), Reden von der Gewalt, München 2002, S. 271 - 302.
9.
Vgl. Nicolas Berg, Der Holocaust und die westdeutschen Historiker. Erforschung und Erinnerung, Göttingen 2003.
10.
Vgl. Bert Schulz, Schick und trivial: Schlagwort Generation, in: Das Parlament vom 14./22. April 2003.
11.
Vgl. Jean Pierre Azéma, La Clef Générationelle, in: Les Générations, Vingtième Siècle 22, Juni-April 1989, S. 3 - 10.
12.
Vgl. Karl Mannheim, Das Problem der Generationen (1928), in: Wissenssoziologie. Auswahl aus dem Werk, eingeleitet und hrsg. von Kurt H. Wolff, Neuwied-Berlin 1970(2), S. 509 - 565.
13.
Vgl. Jürgen Reulecke, Warum und wie jede Generation sich ihr eigenes Bild von der Vergangenheit macht, in: Jörg Calließ (Hrsg.), Die frühen Jahre des Erfolgsmodells BRD, oder: Die Dekonstruktion der Bilder von der formativen Phase unserer Gesellschaft durch die Nachgeborenen, Loccumer Protokolle 25/2002, S. 13 - 22, hier S. 22.
14.
Lutz Niethammer, Generation und Geist. Eine Station Karl Mannheims auf dem Weg zur Wissenssoziologie, in: Rudi Schmidt (Hrsg.), Systemumbruch und Generationswechsel. Mitteilungen des SFB 580 (Gesellschaftliche Entwicklung und Systemumbruch), (2003) 9, S. 19 - 32, hier S.31.
15.
Ute Daniel, Kompendium Kulturgeschichte. Theorien, Praxis, Schlüsselwörter, Frankfurt/M. 2001, S. 331.
16.
Vgl. Jürgen Reulecke, Einführung: Lebensgeschichte des 20. Jahrhunderts - im 'Generationscontainer`, in: ders. (Hrsg.), Generationalität und Lebensgeschichte im 20. Jahrhundert, München 2003, S.VIII.
17.
Helmut Fogt, Politische Generationen. Empirische Bedeutung und theoretisches Modell, Opladen 1982.
18.
Vgl. Kurt Luescher, Die Ambivalenz von Generationsbeziehungen - eine allgemeine heuristische Hypothese, in: Martin Kohli/Marc Szydlik (Hrsg.), Generationen in Familie und Gesellschaft, Opladen 2000, S. 138 - 161.
19.
Vgl. Hans Jaeger, Generationen in der Geschichte. Überlegungen zu einer umstrittenen Konzeption, in: Geschichte und Gesellschaft, 3 (1977), S. 429 - 452; Alan B. Spitzer, The Historical Problem of Generations, in: American Historical Review, 78 (1973), S. 1353 - 1384; Andreas Schulz/Gundula Grebner (Hrsg.), Generationswechsel und historischer Wandel, Historische Zeitschrift Beiheft 36, München 2003; J.Reulecke (Anm.16).