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16.2.2005 | Von:
Bernd Weisbrod

Generation und Generationalität in der Neueren Geschichte

"Generationalität" und "Generationalisierung"

Es erscheint daher sinnvoll, in einem historisch breiteren Generationskonzept nach Generationalität und Generationalisierung als Schlüssel für die kollektive Mobilisierung solcher Deutungsprozesse von biographischer Gefühlslage und lebenszeitlicher Vergemeinschaftung zu suchen. Aus einem solchen Zugang ergeben sich einige Vorteile gegenüber dem klassischen Generationsverständnis: - Er erlaubt eine Überprüfung der These von der bürgerlichen und männlichen Überdetermination der Generationsproblematik. Es zeigt sich dann nämlich, dass die generationellen Stile im bürgerlichen Zeitalter auch weiblich und im Zeitalter der Ideologien durchaus antibürgerlich codiert waren. - Es verbietet sich von daher auch eine nationale Beschränkung der Fragestellung, wie sie bisher in der Generationsgeschichte üblich war, weil die transnationalen Transfers dieser generationellen Formierungen den Nationalstaat als Begriffsbehälter des Sozialen sprengen. Die umstrittenen Hegemonialansprüche männlicher Jugendgruppen mögen eine besondere deutsche Leidenschaft gewesen sein, aber die stillen Generationsstile der emotionalen Sozialisation lassen transnationale Muster der Generationsbildung erkennen, die sich in einer gemeinsamen europäischen Geschichte der Gefühle wiederfinden lassen. - Schließlich werden solche Zugänge auch dem generationellen Zusammenhang von "Erfahrungsraum und Erwartungshorizont" gerecht, der die spezifische Zeiterfahrung der Beschleunigung in der Moderne trägt. Denn die zeitliche Ordnung der Gesellschaft ist der Schlüssel für die Erfahrung von Generationalität überhaupt. Nach Reinhart Koselleck sind "Generationswechsel und Generationsschübe (...) schlechthin konstitutiv für den zeitlich endlichen Horizont, durch dessen jeweilige Verschiebung und generative Überlappung sich Geschichten ereignen"[44].

Neben der generellen Nichtübertragbarkeit der generationsspezifischen Erfahrungen ist es gerade diese unhintergehbare Verzeitlichung der Sozialbeziehungen, die Geschichte im neuzeitlichen Verständnis erst möglich macht. Die "Zeitigung von Generationen" (Reinhart Koselleck) ist eine wesentliche Bedingung von Geschichte überhaupt, insofern nämlich solche Erfahrungen immer individuell gemacht, aber kollektiv gesammelt und in Absetzung von anderen biographischen Lebensbezügen ausgehandelt werden. Dies geschieht allerdings keineswegs nur im revolutionären Gestus des Generationsschubs, sondern auch im stillen Erfahrungshaushalt des persönlichen Zeitbewusstseins. Die Generationalisierung solcher Erfahrungen kann daher sowohl als Strategie wie auch als Erinnerung wirksam sein. Generationalität markiert somit den fließende Übergang zwischen Herkunft und Gedächtnis. Sie ist die eigentliche "Zeitheimat" (Winfried G. Sebald) des Menschen in der sich beschleunigenden Zeiterfahrung der Moderne. Aber bekanntlich braucht nicht jede Heimat eine Heimatbewegung, und nicht jede Generationalität findet ihre emphatische Vertretung in Form einer politischen Generation.[45]


Fußnoten

44.
R. Koselleck, Zeitschichten. (Anm.27), S. 107.
45.
Joachim Matthes, Karl Mannheim. "Das Problem der Generationen" neu gelesen. "Generationen-Gruppen" oder "gesellschaftliche Regelung von Zeitlichkeit", in: Zeitschrift für Soziologie, 114 (1985), S. 363 - 372.