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16.2.2005 | Von:
Ursula Dallinger

Generationen-Gerechtigkeit – die Wahrnehmung in der Bevölkerung

Das Problem der "Generationengerechtigkeit" wird aus der Perspektive von Gerechtigkeitsurteilen in der Bevölkerung beleuchtet. Es werden Aussagen über die institutionelle und kulturelle Bedingungen der Stabilität des Generationenvertrages gemacht.

Einleitung

Zu Beginn der neunziger Jahre tauchte im öffentlichen Diskurs der Begriff der Generationengerechtigkeit auf. Die teils medial stark forcierte Debatte um Generationengerechtigkeit sensibilisierte dafür, dass Ungleichheit nicht nur zwischen Arm und Reich, Oben und Unten, Mann und Frau etc. herrscht, sondern auch zwischen Alt und Jung bzw. zwischen den unterschiedlichen Kohorten, also Personen des gleichen Geburtsjahrgangs. Mit dem Begriff der Generationengerechtigkeit wurde in sehr unterschiedlichen Bereichen die für Kohorten und Altersgruppen ungleichen Lebensverhältnisse thematisiert, etwa ungleiche Chancen auf dem Arbeitsmarkt oder ungleiche Umweltbelastungen. Im Zentrum der Debatte stand jedoch die Ungleichheit, die durch den Sozialstaat entsteht. Auf diesen Aspekt wird sich dieser Beitrag konzentrieren, nochmals fokussiert auf die etwaige Ungerechtigkeit des staatlichen Alterssicherungssystems in Deutschland.

Um Generationengerechtigkeit angemessen zu verstehen, sollte man sich klarmachen, dass es sich um eine unbeabsichtigte Ungleichbehandlung handelt. Das unterscheidet sie von der sozialen Ungleichheit, die ja bis zu einem gewissen Grad als legitim betrachtet wird. Ein radikaler Gleichheitsanspruch gehört weder in Deutschland noch in anderen Ländern zu den anerkannten Verteilungsprinzipien. Soziale Ungleichheit in Form von Einkommensunterschieden gilt als akzeptabel, etwa weil damit die Arbeitsmotivation und die Produktivität der Wirtschaft gefördert werde - so die Rechtfertigung. Demgegenüber strebt das soziale Sicherungssystem Deutschlands eine Gleichbehandlung der Kohorten und Altersgruppen an; eine unterschiedliche Behandlung wäre nicht zu rechtfertigen.

Als Hauptursache einer "aus dem Ruder laufenden" Verteilungsgerechtigkeit gilt die demographische Entwicklung. Bekanntlich altert die Bevölkerung durch eine relative Zunahme des Anteils Älterer an der Gesamtbevölkerung drastisch. Die Folge ist, dass die Ausgaben in jenen Zweigen des sozialen Sicherungssystems expandieren, die auf den Ausfall des Erwerbseinkommens im Alter zugeschnitten sind (Renten) oder die primär im Alter auftretende soziale Risiken absichern (Pflegeversicherung, Gesundheitswesen). Eine alternde Gesellschaft verursacht automatisch dann Kosten, wenn mit Alter soziale Anrechte verbunden sind, und bereits bisher war die Alterung ein maßgeblicher Faktor der sozialstaatlichen Kostendynamik - nicht nur in Deutschland.[1] Aber die Kosten der Alterung sollten eben "gerecht" verteilt sein.

Der deutsche Wohlfahrtsstaat schichtet Ressourcen weniger zwischen sozialen Gruppen um als vielmehr zwischen den Erwerbstätigen und Rentnerinnen und Rentnern, sowie zusätzlich zwischen "Generationen". Beide Male handelt es sich um unterschiedliche Formen potenzieller Umverteilung, deren Verschiedenartigkeit ich zunächst darlege. Im nächsten Schritt werde ich deutlich machen, welchen Gerechtigkeitsideen die Rentenversicherung Prioriät einräumt. Die staatliche Alterssicherung in Deutschland basiert auf der Belohnung von beruflicher Leistung, der Äquivalenz zwischen Einkommen und Rente, und wahrt somit Einkommensabstände im Alter. Innerhalb einzelner Kohorten gilt also Ungleichheit. Zugleich sollen die verschiedenen Kohorten im Zeitverlauf gleich behandelt werden. Die Bereitschaft zur Beteiligung an der Alterssicherung und deren Akzeptanz dürfte nun maßgeblich bestimmt sein durch das Vertrauen der Bürger, auch künftig "gerecht" behandelt zu werden. Werden Gleichheitserwartung und Vertrauen gestört, ist ein Rückgang der Akzeptanz eigentlich nur folgerichtig. Die Sorge um die noch zu gewährleistende "gleiche" Behandlung der Kohorten und Altersgruppen kommt im Rückgang des Vertrauens und der Gerechtigkeitsurteile zum Ausdruck. Es wurde bislang kontrovers diskutiert, ob "Generationengerechtigkeit" bloß ein von den Medien inszeniertes Problem sei oder ob auch die Bevölkerung ein Defizit an Gerechtigkeit wahrnehme. Dies wurde mit dem Verweis auf die hohe Akzeptanz der gesetzlichen Rentenversicherung aufgrund von intergenerationeller Solidarität und der Einbettung des staatlichen Ressourcentransfers zwischen den Älteren und den Jüngeren in familiäre Austauschbeziehungen teilweise bezweifelt. Hier soll empirisch untersucht werden, ob die Bevölkerung die Alterssicherung als ungerecht beurteilt und ob das Vertrauen der Bevölkerung in die Rentenversicherung gesunken ist.

Wichtige Teile des sozialen Sicherungssystems - Renten und Krankheitskosten - werden vor allem auf dem Wege des "Umlageverfahrens", d.h. mittels Beiträgen der Erwerbstätigen, finanziert. Dieser "Generationenvertrag" setzt eine kontinuierliche Entwicklung der Bevölkerung und damit auch der Erwerbstätigen voraus, sollen die Umlagen von den im Erwerbsleben Aktiven zur inaktiven Generation in etwa gleich ausfallen. Auf Grund des drastischen Geburtenrückgangs seit Anfang der siebziger Jahre wird die Alterszusammensetzung der Bevölkerung jedoch immer unausgeglichener. Das hat zur Folge, dass die geburtenstarken Jahrgänge im Alter durch die Umlagen einer viel kleineren, im Erwerbsalter befindlichen Gruppe finanziert werden müssten.

Haben die aus dieser Konstellation entstehenden Probleme der künftigen Finanzierung und Verteilungsgerechtigkeit, die während der neunziger Jahre intensiv thematisiert wurden, zu einem Rückgang der Zustimmung zum "Generationenvertrag" geführt? Welche Konsequenzen hat es, wenn der Generationenvertrag in Form eines Grundrentensystems gestaltet ist und damit auch einer anderen Verteilungslogik folgt wie in Dänemark oder den Niederlanden? Ein Vergleich der Akzeptanz des Generationenvertrages in Ländern mit einem Grundrentensystem soll zeigen, wie sich dieses Modell auf die Akzeptanz des Generationenvertrags auswirkt.


Fußnoten

1.
Vgl. Jens Alber, Vom Armenhaus zum Wohlfahrtsstaat. Analysen zur Entwicklung der Sozialversicherung in Westeuropa, Frankfurt/M. 1982.