APUZ Dossier Bild

16.2.2005 | Von:
Ursula Dallinger

Generationen-Gerechtigkeit – die Wahrnehmung in der Bevölkerung

Die zwei Formen von "Generationengerechtigkeit"

In der öffentlichen Debatte wird mit dem Begriff der "Generationengerechtigkeit" zum einen die Ungleichheit zwischen Altersgruppen und zum anderen zwischen den Kohorten thematisiert: Im ersten Fall ist eine Ungleichheit zwischen Altersgruppen im Querschnitt gemeint, beispielsweise die unterschiedlichen Quoten der Sozialhilfeempfänger in der Gruppe der Älteren und der Familien mit Kindern. Im zweiten Fall geht es darum, ob Geburtskohorten im Längsschnitt durch den Wohlfahrtsstaat ungleich behandelt werden. Anhand von Bilanzen der Ein- und Auszahlungen der einzelnen Kohorten wird versucht, die eventuell ungleichen "Wohlfahrtsbilanzen" zu errechnen. Die Debatte um Generationengerechtigkeit hat ihren Ursprung in beiden Arten von Problemen.

Der Demograph Samuel Preston[2] hat die in den USA relativ hohe Armut unter Kindern und Familien dem im Vergleich dazu relativen Wohlstand der Älteren gegenübergestellt. Der Ausbau der staatlichen Alterssicherung habe die materielle Lage der Älteren stark verbessert, während im gleichen Zeitraum die Armut unter den jüngeren Altersgruppen zunahm, weil Programme für Familien in der Regel nicht die Existenz sicherten. Hier kann dem Sozialstaat die ungleiche Ausstattung der Altersgruppen mit Anrechten angelastet werden. Auch in Deutschland wurde die relative Schlechterstellung der Jüngeren und insbesondere der Familien durch die Sozialforschung nachgewiesen. Das Armutsrisiko hat sich langfristig von den "Älteren" auf die "Jüngeren", auf Kinder und Familien verlagert.[3] Das provoziert den Eindruck, als sei der Sozialstaat einseitig auf die Wohlfahrt der Älteren zugeschnitten. Bei dieser Art des Gerechtigkeitsdefizits ist in der Tat zu bedenken, ob sich eine Gesellschaft eine Schlechterstellung der Kinder und der nachrückenden Generation leisten kann. Denn das Aufwachsen unter deprivierten sozialen Bedingungen hat negative Folgen, ebenso wie die Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft verschenkt wird, wenn in Bildung und Forschung zu wenig investiert wird.

Unter Generationengerechtigkeit fällt auch das Argument, dass die heute jüngere Generation wegen der verstärkten Konkurrenz um Bildungstitel, Ausbildungs- und Arbeitsplätze insgesamt schlechtere Startchancen habe. Ob auch die Ungleichheit aufgrund des Lebens in verschiedenen Perioden mit schwankenden Lebensbedingungen als ungerecht bezeichnet werden darf, ist umstritten. Denn Nachteile aufgrund der schlechteren Wirtschaftslage lassen sich kaum direkt einem Verursacher zurechnen. Dass der Wohlfahrtsstaat den Altersgruppen in unterschiedlichem Maße Zugang zu sozialen Anrechten verleiht, wäre auch dann nicht als ungerecht zu bezeichnen, wenn sich die Schlechterstellung in der einen Lebensphase in der künftigen Lebensphase der gleichen Kohorte aufheben würde, wenn also die Jüngeren später im Alter ebenfalls zu den Nutznießern großzügiger sozialer Absicherung würden. Dazu müssten sich aber Wirtschaft und Demographie gleichmäßig entwickeln. Das ist nicht der Fall.

David Thomson hat am Beispiel Neuseelands deutlich gemacht, wie der Wohlfahrtsstaat ganze Kohorten ungleichstellt und sich eine Generation lebenslanger Gewinner und Verlierer herauskristallisiert. Angehörige einer spezifischen Kohorte - die zwischen 1925 und 1945 geborene so genannte "Wohlfahrtsgeneration" - haben nach Thomson den Sozialstaat nach ihren jeweils lebensphasenspezifischen Bedürfnissen ausgebaut. Diese habe während ihres Erwachsenenlebens lediglich relativ geringe Belastungen durch Steuern und Abgaben erlebt, zugleich aber von hohen Ausgaben für Programme profitiert, die jeweils ihren lebensphasenspezifischen Interessen entsprachen. Für nachfolgende Generationen seien Gewinne aus neu eingeführten Sicherungssystemen kaum noch möglich. Die ungleich auf die älteren und jüngeren Kohorten verteilten Erträge sozialpolitischer Programme als Ergebnis der Interessendurchsetzung der "Wohlfahrtsgeneration" zu interpretieren ist jedoch nicht haltbar. Das Problem der Generationengerechtigkeit entsteht unbeabsichtigt und nicht, weil "gierige Greise" das soziale Sicherungssystem absichtlich plündern.[4]

Thomson hat versucht, die Ungleichbehandlung von Kohorten durch Generationenbilanzen, in denen lebenslange Ein- und Auszahlungen unterschiedlicher Kohorten verglichen werden, nachzuweisen. Mittlerweile liegt eine Reihe von Studien vor, die intergenerationelle Ungleichheit auch in anderen Ländern auf einer breiten empirischen Basis nachzeichnen;[5] diese kann auch in Deutschland als belegt gelten.[6] Aber objektiv gegebene Ungleichheit muss nicht automatisch als illegitim gelten. Ungleichheiten zwischen Personengruppen können sich beispielsweise durch unterschiedliche Leistungen rechtfertigen lassen. Insbesondere aber wurde die Einbettung der staatlichen Alterssicherung in die Wertvorstellungen und die solidarischen Beziehungen zwischen den Generationen in Familien als Grund dafür angeführt, dass Generationengerechtigkeit für die Bevölkerung kein Problem darstelle. Demgegenüber meine ich, dass das deutsche Alterssicherungssystem - ganz im Gegenteil - keine Umverteilung zulässt, sondern starke Erwartungen hinsichtlich der den eigenen Einzahlungen äquivalenten Auszahlungen fördert.


Fußnoten

2.
Vgl. Samuel Preston, Children and the Elderly, in: Demography, 21 (1984), S. 435 - 497.
3.
Vgl. Christoph Butterwegge, Familien und Familienpolitik im Wandel, in: ders./Michael Klundt (Hrsg.), Kinderarmut und Generationengerechtigkeit, Opladen 2002; Irene Becker/Richard Hauser, Zur Entwicklung von Armut und Wohlstand in der BRD, in: C. Butterwegge/M. Klundt, ebd.; Andreas Netzler, Familien, in: Jutta Allmendinger/Ludwig Mayerhofer (Hrsg.), Soziologie des Sozialstaats, Weinheim-München 2000.
4.
Thomson hat die Gefahr des Umlageverfahrens als ein kühnes Experiment mit der Verschiebung von Ressourcen zwischen Generationen im großen Stile pointiert herausgearbeitet. Da jedoch der Wohlfahrtsstaat beim Verteilen der Ressourcen über die Zeit nicht sonderlich erfolgreich sei und Gleichbehandlung verfehle, verspiele er das Vertrauen in das "Wohlfahrtsstaatsexperiment". Vgl. David Thomson, The Welfare State and Generational Conflict: Winners and Loosers, in: Paul Johnson/Christoph Conrad/David Thomson (Hrsg.), Workers versus Pensioners: Intergenerational Justice in an Aging World, Manchester 1989.
5.
Vgl. ders., The selfish generations: The Aging of the Welfare State, Wellington 1989; ders., A Lifetime of Privilege? Aging and Generations at Centurys End, in: Vern L. Bengston/Andrew W. Achenbaum (Hrsg.), The Changing Contract across Generations, New York 1993; Holger Bonin, Generational Accounting. Theory and Application, Berlin 2001; Laurence J. Kotlikoff, Generational Accounting, New York 1992.
6.
Zur Verteilungswirkung von Umlageverfahren vgl. Bernd Raffelhüschen/Karen Feist, Der Sozialstaat in der Generationenbilanz. Mitgift oder Hypothek, Köln 2000; Bert Rürup, Generationenvertrag und intergenerative Gerechtigkeit, in: Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie, 35 (2002), S. 275 - 281. Das Ergebnis dieser Analysen ist, dass die Verzinsung bzw. Erträge aus den Beiträgen zu Sicherungssystemen umso ungünstiger werden bzw. der implizite Steuersatz umso höher ausfällt, je stärker die demografische Entwicklung durchschlägt.