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16.2.2005 | Von:
Ursula Dallinger

Generationen-Gerechtigkeit – die Wahrnehmung in der Bevölkerung

Zustimmung zum Generationenvertrag

Der Generationenvertrag stellt eine in die Zukunft verschobene Erwartung einer den eigenen Vorleistungen "adäquaten" Rückzahlung dar. Erhält dieser nun weniger Unterstützung, seit unsicher ist, ob es zu den erwarteten äquivalenten Gegenleistung kommt? Die Antwort lässt sich aus der in Tabelle 3 dargestellten Entwicklung der Zustimmung zum Generationenvertrag in den verschiedenen Altersgruppen in den neunziger Jahren ablesen. Demnach gab es in Westdeutschland - betrachtet man die allgemeine Entwicklung - lediglich einen moderaten Rückgang der Zustimmung zum Generationenvertrag von etwa 28 auf etwa 25 Prozent. Dieser fiel in Ostdeutschland etwas deutlicher aus. Auch innerhalb der einzelnen Altersgruppen war in Westdeutschland der Rückgang wenig dramatisch, am stärksten noch bei den 15- bis 29-Jährigen.

Deutlich schwankt, wie Tabelle 3 der PDF-Version zeigt, die Zustimmung zum Generationenvertrag jedoch zwischen den einzelnen Kohorten. Sie ist am geringsten bei der jüngsten Altersgruppe und nimmt schrittweise mit dem Alter der Befragten zu. Die Jüngeren zollen dem Generationenvertrag weniger Zustimmung, vermutlich weil sie sich angesichts der demografischen Entwicklung von den Beiträgen überfordert sehen und sie ihre Chancen gering einschätzen, im Alter abgesichert zu sein. Aber bereits 1992 gab es Altersunterschiede in der Zustimmung zum Generationenvertrag, nicht erst unter dem Eindruck andauernder öffentlicher Diskurse um Generationengerechtigkeit. Die jüngeren Altersgruppen (15 bis 49 Jahre) sind also durchgängig skeptischer gegenüber dem Generationenvertrag.

Die Zustimmung zum Finanzierungsprinzip "Generationenvertrag" ist nicht allzu stark eingebrochen, aber bei Jüngeren doch deutlicher als bei älteren über 60-Jährigen, die meist bereits in Rente sein dürften und somit nicht von dem erst für künftige Rentnerkohorten einsetzenden Generationenproblem betroffen sind.[10] Die Zustimmung zum Generationenvertrag ist also ungeachtet der negativen Gerechtigkeitsurteile und abhängig vom Vertrauensrückgang gegenüber der staatlichen Rentenversicherung mit Einschränkungen doch relativ hoch. Dieser Befund ist keineswegs widersprüchlich, sondern lässt sich folgendermaßen erklären:

  • Urteile gegenüber den sozialstaatlichen Institutionen sind mehrdimensional. Da Institutionen sowohl funktionale Gebilde darstellen, die bestimmte Leistungen erbringen, als auch Leitbilder und Werte repräsentieren und umsetzen, werden sie dementsprechend auch sehr differenziert bewertet. Die Urteile der Bürgerinnen und Bürger beziehen sich auf die Leistungsfähigkeit von Institutionen wie auch auf Gerechtigkeitsideen und Verteilungsprinzipien, die den Institutionen immanent sind. Sie können die Rentenversicherung also zugleich als ungerecht betrachten und dennoch am Umlageverfahren und Generationenvertrag festhalten wollen.
  • Der Generationenvertrag wird als Finanzierungsverfahren akzeptiert; eine kapitalgedeckte (staatliche oder private) Rente ist für die Bürger kaum vertrauenswürdiger. In der - wenngleich vorsichtigen - Präferenz für den Generationenvertrag dürfte sich zugleich eine Präferenz für staatliche Verantwortung der Alterssicherung ausdrücken. Der Generationenvertrag wird mit dem staatlichen Rentensystem identifiziert; ein Umbau zur privat finanzierten Alterssicherung ist für die Befragten offenbar keine Option.
  • In der Zustimmung zum Generationenvertrag dürfte sich zudem der Anspruch auf eine Fortführung der Finanzierung der Renten über Umlagen spiegeln, da die Befragten sich kaum wünschen können, dass ein Umlageverfahren wegfällt, in das sie jahrelang investiert haben, und die Altersvorsorge nun privat finanziert werden muss.

    Abschließend soll der "empirische Blick" auf andere Länder gerichtet werden. So zeigt sich, dass das Ausmaß an Unterstützung für den "Generationenvertrag" noch sehr viel deutlicher als vom Alter der Befragten davon abhängt, ob Bürger in einem Land mit Mindestrenten oder mit einem einkommensabhängigen Rentensystem leben.

    Tabelle 4 der PDF-Version zeigt neben Deutschland und Frankreich - Länder mit einer einkommensproportionalen Rente - auch Dänemark und die Niederlande - Länder mit einer Mindestrente -, die eben nicht dem Gedanken der an den eigenen Leistungen ausgerichteten Auszahlungen folgen. Diese beiden Länder haben unterschiedliche Systeme der Mindestrente, und lediglich das dänische entspricht weitgehend dem skandinavischen Muster der steuerfinanzierten, universellen, d.h. jedem Wohnbürger zugänglichen Leistung. Die niederländische Grundrente beruht zwar wie eine Sozialversicherung auf Beiträgen, aber es gibt lediglich für alle gleiche Auszahlungen. Beide Systeme erfordern ein Abrücken von der Erwartung, dass man das Eingezahlte zurückerhält. Soziale Umverteilung durch eine Mindestrente ist etwas anderes als eine intergenerationelle Umverteilung. Jedoch ist in den Grundrentenländern auch die Zustimmung zu dem Prinzip des Generationenvertrages höher als in den Ländern mit einkommensbezogener Rente. Die Alterssicherung dieser Länder scheint somit stärker gegen Kritik und den Entzug der Akzeptanz gefeit zu sein. Was erklärt dieses Muster?

    Zum einen kommt im beschriebenen Unterschied zum Tragen, dass die institutionelle Logik Unterschiedliches als richtig und erwartbar vorzeichnet. Wenn Bürger in Ländern mit einem an das Erwerbseinkommen anknüpfenden Rentensystem, das den Erhalt des im Erwerbsleben erreichten Status verspricht, den Generationenvertrag skeptischer beurteilen, dann ist dies nur folgerichtig. Nach Claus Offe unterfordert die deutsche sozialstaatliche Tradition der sozialen Sicherung "die Bereitschaft der Versicherten, gewisse (...) 'Solidaritätsopfer' zu leisten"[11]. Es darf jedoch bezweifelt werden, dass Solidaritätsopfer den Gerechtigkeitsmaßstäben der Deutschen entsprechen. Die Bürgerinnen und Bürger Dänemarks oder der Niederlande - Länder mit Mindestrenten - sind vermutlich nicht moralischer und deshalb stärker zuintergenerationeller Umverteilung bereit. Dafür, dass in Ländern mit Mindestrenten der Generationenvertrag weniger in Frage gestellt wird, gibt es pragmatische Gründe: Erstens ist zu berücksichtigen, dass die Beiträge bzw. Belastungen für Mindestrenten nicht sohoch ausfallen wie in den Ländern mit erwerbseinkommensbezogener Alterssicherung. Zweitens wird die Rente in Mindestrentenländern durch andere Komponenten der Alterssicherung wie betriebliche und private Renten aufgestockt. Folglich muss drittens das Umlageverfahren "weniger schultern", so dass die Erwerbstätigen und steuerzahlenden Konsumenten sich weniger überfordert fühlen müssen als in den Ländern mit einem hohen Niveau der Absicherung der Älteren über das staatliche Umlageverfahren. Letztlich kommt unterstützend hinzu, dass in den Mindestrenten-Ländern soziale Umverteilung stärker akzeptiert ist.


  • Fußnoten

    10.
    In Tabelle 3 sind lediglich die Antworten für die Kategorie der vollen Zustimmung dargestellt. Bei Hinzunahme der Kategorie der leichten Zustimmung sähe man, dass der Rückgang fast ganz auf eine Verlagerung zur eingeschränkten Zustimmung zurückzuführen ist. Die Bürgerinnen und Bürger beurteilen demnach den Generationenvertrag zwar skeptischer, lehnen ihn aber keineswegs gänzlich ab.
    11.
    Claus Offe, Der deutsche Wohlfahrtsstaat: Prinzipien, Leistungen, Zukunftsaussichten, Berliner Journal für Soziologie, 8 (1998), S. 359 - 380.