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16.2.2005 | Von:
Ursula Dallinger

Generationen-Gerechtigkeit – die Wahrnehmung in der Bevölkerung

Zusammenfassung

Das deutsche Rentensystem kann als eine Institution begriffen werden, der bestimmte Vorstellungen und Ideen von Gerechtigkeit immanent sind. Anhand dieser "institutionellen Logik" wurde herausgearbeitet, dass es meritokratischen Idealen folgt, d.h., es belohnt die Position im Erwerbsleben und lässt soziale Ungleichheit zu, die auf individueller Leistung beruht. Demgegenüber ist Gleichheit das Prinzip, das dem Generationenvertrag zugrunde liegt: Das umlagenfinanzierte Rentensystem - von den derzeit Erwerbstätigen zu den Rentnerinnen und Rentnern - verspricht auch der finanzierenden Generation angemessene "Gegen"-Leistungen der Alterssicherung. Es handelt sich dabei um eine zeitlich verschobene Reziprozitätserwartung.

Aus diesem Gleichheitsversprechen ergibt sich das Gerechtigkeitsproblem. Nach Analysen der Ein- und Auszahlungen der verschiedenen Kohorten in die staatliche Alterssicherung schwinden die Erträge in dem Maße, wie sich die demographischen Ungleichgewichte auswirken. Es wurde gezeigt, dass - anders als es die These eines durch Solidaritätsbeziehungen in den Familien abgefederten Generationenkonfliktes beinhaltet - die Gerechtigkeit der Rentenversicherung in Deutschland in hohem Maße bezweifelt wird. Der Rückgang des Vertrauens in die Rentenversicherung weist in die gleiche Richtung. Bürgerinnen und Bürger aller Altersgruppen, jedoch vor allem die Jüngeren, entziehen der staatlichen Alterssicherung ihr Vertrauen, weil eine "gerechte" Behandlung nicht mehr gewährleistet scheint. Nach den im Beitrag gezeigten Daten nehmen alle die Ungerechtigkeit wahr und vertrauen der Rentenversicherung weniger. Zusätzlich sind die Urteile stark vom Alter abhängig und somit von der eigenen Position im Verteilungsgeschehen. Dass es trotz der negativen Beurteilung der Gerechtigkeit der Rentenversicherung dennoch Zustimmung zum Generationenvertrag gibt, wurde mit den unterschiedlichen Beurteilungsebenen erklärt: Wenn viele am Prinzip des "Generationenvertrages" festhalten wollen, obwohl das System als ungerecht wahrgenommen wird, zeigt das m.E. zum einen, dass es eine Präferenz für die staatliche Rente gibt, und zum anderen schlicht die Angst, dass die eigenen Umlagen umsonst waren.

Vergleicht man die Akzeptanz, die der Generationenvertrag in Ländern mit einem Grundrentensystem erhält, mit jener in Ländern mit einer einkommensbezogenen Rente, fällt die in den zuerst genannten weitaus höhere Zustimmung zum Umlageverfahren auf. Ein Grundrentensystem, das von den Bürgern verlangt, von einer engen Reziprozität zwischen Ein- und Auszahlungen abzusehen, scheint eine gewisse Toleranz gegenüber den unsicher gewordenen intergenerationellen Verteilungsströmen zu fördern. Auch die vergleichsweise geringe Belastung durch niedrigere Umlagezahlungen wirkt sich positiv aus. Auf jeden Fall aber lassen sich die im Laufe der Debatte um Generationengerechtigkeit laut gewordenen Bedenken, denen zufolge die jüngeren Kohorten den Generationenvertrag angesichts des Gerechtigkeitsdefizits "kündigen" könnten, durch die institutionelle Gestaltung entschärfen. Auch wenn eingangs betont wurde, dass die ungerechten Wirkungen sozialstaatlicher Systeme für bestimmte Kohorten unbeabsichtigt sind, so muss der Sozialstaat doch auf die nichtintendierten Folgen seines Handelns reagieren und entsprechend gegensteuern.

Sektion "Altern und Gesellschaft" der Deutschen Gesellschaft für Soziologie unter www.sektion-altern.de;
Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen unter www.srzg.de

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