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17.1.2005 | Von:
Michael Haus

Zivilgesellschaft und soziales Kapital im städtischen Raum

Soziales Kapital und Zivilgesellschaft als Hoffnungsträger

Vor dem beschriebenen Hintergrund wächst die Erkenntnis, dass bestehende Nachbarschaften im Ganzen, d.h. als komplexe Sozialsysteme, erneuert werden müssen. Dass dies nicht nur eine Erneuerung der baulichen Substanz bedeuten kann, sondern auch eine Änderung sozialer Praktiken beinhaltet, wird ebenfalls zunehmend deutlicher erkannt. Gemeinsames Handeln bedarf jedoch vielfältiger, miteinander verknüpfter Ressourcen, eines verlässlichen institutionellen Rahmens und Sinn stiftender Leitbilder. Bei derartigen Überlegungen gerät man unversehens in einen zirkulären Zusammenhang: Eine der entscheidenden Voraussetzungen gelingender Kooperation ist die Erfahrung erfolgreichen gemeinsamen Handelns. Wie kann dann aber Kooperation "von außen" ermöglicht werden?

Gerade solche zirkulären Zusammenhänge sind in den letzten Jahren stärker ins Blickfeld der Sozialwissenschaften gerückt und haben auch die öffentliche Diskussion über neue Formen des Regierens belebt. Sowohl in der Zivilgesellschaftsdiskussion als auch in der Sozialkapitaldebatte wird die wechselseitige Bedingtheit und Verstärkung von politisch-kulturellen Faktoren einerseits und demokratischen Institutionen andererseits herausgestellt und mit einem Bedeutungsgewinn der lokalen Politikebene verbunden.[1] Allerdings müssen neue Deutungsräume und Verständigungsmöglichkeiten auch durch spezifische Problemsichten und Zielvorstellungen gefüllt werden. Wir begeben uns mit ihnen nicht auf einen "neutralen Grund" handlicher Anweisungen für "objektiv" notwendige Reformprojekte, wie sie heute im Mittelpunkt der politischen Rhetorik stehen, sondern auf ein neues Feld der politischen Auseinandersetzungen um den Sinn lokaler Demokratie.

Zivil- oder Bürgergesellschaft steht zunächst für eine Sphäre jenseits von staatlich organisierter Herrschaft und marktlich organisierter Ökonomie, d.h. für einen von Machtinteressen und ökonomischen Zwängen freigehaltenen Raum, der von bürgerschaftlichen Praktiken auf freiwilliger Basis gefüllt wird. Der Begriff "soziales Kapitel" signalisiert, dass Handlungsmöglichkeiten und gesellschaftliche Anerkennung nicht nur von Eigentum (ökonomisches Kapital) und Wissenskompetenzen (kulturelles Kapital), sondern auch von der Qualität sozialer Beziehungen abhängen. Er bezeichnet in der Regel die sozialen Netzwerke, das wechselseitige Vertrauen und die Anerkennung geteilter Normen, von denen Individuen, Gruppen oder ganze Gesellschaften profitieren. Das sind gewiss sehr weite und zudem kontrovers diskutierte Definitionen. Man kann versuchen, sie im Rahmen begrifflicher Bemühungen näher zu bestimmen, was hier aber nicht das Ziel ist. Stattdessen soll der Schwerpunkt darauf gelegt werden, den Konzepten der Zivilgesellschaft und des Sozialkapitals im Lichte des bereits genannten spezifischen urbanen Problemhorizonts, nämlich des Problems der Marginalisierung von Teilen der Stadtgesellschaft im sozialen Raum, klarere Konturen zu verschaffen. Einige konzeptionelle Überlegungen sollen dennoch vorangestellt werden, weil sie den Blick auf diese Probleme schärfen und die Kreativität bei der Suche nach möglichen Lösungsansätzen stimulieren können.

So lassen sich im Anschluss an die vorgestellten Begriffsbestimmungen einige wichtige Gemeinsamkeiten, aber auch Komplementaritäten zwischen dem Konzept der Zivilgesellschaft und dem des sozialen Kapitals benennen: Beides bezeichnet Qualitäten sozialen Zusammenlebens, die nicht einfach "machbar" bzw. "herstellbar" und dennoch von entscheidender Bedeutung für die Qualität demokratischer Politik und sozialer Integration sind. Das wird in Formulierungen deutlich wie der von den "entgegenkommenden Lebenswelten" als Voraussetzung einer zivilgesellschaftlichen Öffentlichkeit (Jürgen Habermas) und der vom sozialen Kapital als "Nebenprodukt" alltagsweltlicher Praktiken (Robert Putnam). Beide Perspektiven stehen zudem für soziale Praktiken, in denen Handelnde sich als wertvoll erfahren und in denen ihnen Anerkennung widerfährt. So wird, insbesondere von kommunitaristischen Theoretikern der Bürgergesellschaft, von der "Würde" (Charles Taylor) und der "Selbstachtung" (Michael Walzer) gesprochen, welche Bürgerinnen und Bürger zugleich demonstrieren und erfahren, wenn es ihnen gelingt, gemeinsam Ziele zu erreichen. Umgekehrt wird etwa vom unlängst verstorbenen französischen Soziologen Pierre Bourdieu auf die gegenteilige Erfahrung von "Entwürdigungen" u.a. in den deklassierten Stadtvierteln Europas hingewiesen, wo mangelhaftes Sozialkapital in symbolische Bedeutungslosigkeit mündet. Ohne Sozialkapital kann sich keine zivilgesellschaftliche Öffentlichkeit herausbilden, weil Engagementbereitschaft auf Vertrauen und soziale Netzwerke angewiesen ist; und umgekehrt bedarf es einer zivilgesellschaftlichen Öffnung sozialen Kapitals in Form einer demokratischen Öffentlichkeit und identitätsstiftender Institutionen, damit soziales Kapital "überbrückenden" Charakter annimmt, d.h. zu sozialer Integration und breiter gestreuten Anerkennungsmöglichkeiten im Lichte geteilter Werte führt.[2] Lassen sich die für diese positive Verstärkung von Zivilgesellschaft und sozialem Kapital erforderlichen Praktiken und Einstellungen nicht von oben herbeiführen, so kann man doch über mehr oder weniger günstige Bedingungen für ihre Entstehung und Fortdauer nachdenken, gesellschaftliche Bereiche in den Blick nehmen, wo sie fehlen, und über eine Politik der Ermöglichung nachdenken.


Fußnoten

1.
Vgl. die Beiträge in Michael Haus (Hrsg.), Bürgergesellschaft, soziales Kapital und lokale Politik. Theoretische Analysen und empirische Befunde, Opladen 2002.
2.
Vgl. Claus Offe, 'Sozialkapital'. Begriffliche Probleme und Wirkungsweise, in: Ernst Kister/Heinz-Herbert Noll/Eckhard Priller (Hrsg.), Perspektiven gesellschaftlichen Zusammenhalts. Empirische Befunde, Praxiserfahrungen, Meßkonzepte, Berlin 1999.