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17.1.2005 | Von:
Michael Haus

Zivilgesellschaft und soziales Kapital im städtischen Raum

Städtischer Raum und die Dynamik sozialer Exklusion

Soziale Exklusion, also die Entwertung des Status als vollberechtigtes und teilhabefähiges Gesellschaftsmitglied, kann mit vielerlei Ursachen und Diskriminierungspraktiken (etwa ökonomischer, geschlechtsspezifischer und ethnischer Natur) zusammenhängen. Immer aber spielen drei Faktoren eine entscheidende Rolle: (1) politische Organisationsdefizite der Betroffenen, (2) staatliche Steuerungsdefizite im Hinblick auf die Ursachen von Exklusion und (3) das Zusammenspiel von den verschiedenen persönlichen oder kollektiven Merkmalen der Exkludierten und der Dynamik marktvermittelter Ungleichheit. Wie einleitend erwähnt, spielt sich in der sozialräumlichen Strukturierung von Städten heute eine Art potenzierter Exklusionsprozess ab, welcher die europäische Stadt als Integrationsmodell bedroht. Damit wird zunächst darauf verwiesen, dass sich im Zuge eines liberalisierten Wohnungsmarktes und zunehmender Einkommensungleichheiten sozioökonomische Ungleichheiten in zunehmender räumlicher Segregation sozialer Gruppen und Schichten niederschlagen, häufig korrelierend mit bestimmten ethnischen Zugehörigkeitsmerkmalen.[3]

In früheren Zeiten waren Strukturen sozialräumlicher Segregation oft mit einer engmaschigen lebensweltlichen Vernetzung durch spezifische Milieus (Arbeiter, Kirche) verbunden, so dass die sozialräumliche Trennung mit einem soziokulturellen Rückhalt korrespondierte. Außerdem waren diese Milieus häufig mit schlagkräftigen und zugleich gesellschaftlich anerkannten Formen politischer Organisation verknüpft, so dass Konfliktfähigkeit gewährleistet war, über die auch Selbstachtung aufgebaut werden konnte. Unter heutigen Bedingungen ist dies nur noch bedingt der Fall, wie insgesamt die Bildung sozialen Kapitals einem Individualisierungseffekt zu unterliegen scheint. Diese Privatisierung der Sozialkapitalbildung resultiert aus dem Bindungsverlust gesellschaftlicher Institutionen (z. B. Parteien, Gewerkschaften und Kirchen). Sie trifft verschiedene gesellschaftliche Gruppen ungleich, weil einige von ihnen eher dazu in der Lage sind, Verluste im Bereich des organisierten und institutionalisierten Sozialkapitals durch kreative informelle Netzwerkbildung zu kompensieren.[4] Ghettobildung bedeutet vor diesem Hintergrund eine weitere Beeinträchtigung der Sozialkapitalausstattung derjenigen, welche die benachteiligten Stadtviertel bewohnen, womit dann auch die Verwertungschancen für noch vorhandenes kulturelles und ökonomisches Kapital sinken.[5] Solche Abwärtsspiralen sind aus der Sozialkapitalforschung bekannt.[6]

Die etablierten Artikulationskanäle für die Interessen der Betroffenen - Parteien, Interessenorganisationen, Medien - funktionieren nur unzulänglich. Folge ist eine gewisse Unsichtbarkeit sozialer Exklusion in der organisierten Form politischer Öffentlichkeit - ein weiterer Verstärkereffekt, der vielleicht der fatalste von allen ist. Dessen Bedeutung wird erst vollends sichtbar, wenn man, wie etwa die amerikanische Theoretikerin Iris Marion Young, soziale Räume im Lichte zivilgesellschaftlicher Demokratiekonzepte betrachtet und dabei auf deren besondere Bedeutung für die Chancen politischer Kommunikation achtet.[7] Iris Youngs Analyse lässt aufhorchen: Die Verfasstheit städtischer Räume wird als genuiner Bestandteil der Diskussion einer gerechten Gesellschaft begriffen, während sie üblicherweise als bloße Widerspiegelung makroökonomischer Strukturen vernachlässigt wurden. Im Zentrum steht dabei die Überlegung, dass Städte insofern eine unerlässliche Bedeutung für politische Kommunikation haben, als sie als Raum der Wahrnehmbarkeit von Inklusion und Exklusion, des Gegensatzes von Erfolg und Benachteiligung, fungieren und damit Rechtfertigungszwänge produzieren, welche die Strukturen etablierter politischer Diskurse zu überbieten drängen.

Mangelnde Sichtbarkeit bedeutet nicht, dass der betreffende Stadtteil im öffentlichen Bewusstsein nicht als "problematisch" wahrgenommen würde - das Gegenteil ist der Fall, was ja am Phänomen der Stigmatisierung deutlich wird. Sichtbarkeit verweist vielmehr auf einen gemeinsamen Raum, in welchem Erfahrungen und Leistungen darstellbar, kritisierbar und anerkennungswürdig werden können. Raum als Interaktionsraum wird damit zu einem entscheidenden Faktor bei der öffentlichen Erörterung von Gerechtigkeit und der mit ihr verbundenen Rechte und Pflichten. Wie Young feststellt: "Der Raum selbst ist bedeutsam. Nur wenige Demokratietheorien haben jedoch die normativen Implikationen räumlicher Sozialbeziehungen thematisiert."[8] Wenn Räumlichkeit demokratietheoretisch überhaupt thematisiert wird, dann meist als Frage, wie entgrenzten Problemen durch eine Überschreitung nationalstaatlicher Grenzen begegnet werden kann. In verschiedenen Disziplinen lässt sich jedoch gegenwärtig eine neue Aufmerksamkeit für die Bedeutung von Räumen als Interaktions- und Bedeutungsfeldern beobachten, so in der Soziologie und der Planungswissenschaft.[9]

Hieraus wird auch die besondere Problematik der gated communities ersichtlich, jener Selbst-Exklusion der Reichen, die in Nordamerika inzwischen gang und gäbe, in Europa bislang nur rudimentär verbreitet ist. In verschanzten Privatsiedlungen versucht man, der auseinander driftenden Stadt zu entfliehen.

Man entzieht sich der Stadt als einer lokalen Gesellschaft, die aus Gruppen unterschiedlichster Art besteht und gemäß demokratischen Ansprüchen ihre Grundlagen öffentlich berät, aber auch in Konflikten neu bestimmt, und man entzieht sich der Konfrontation mit den Verlierern der Modernisierung und ihren peinlichen Fragen. Doch auch in Bezug auf hiesige Gefilde wurde von einem "schwindenden Zauber der europäischen Stadt" gesprochen, und zwar im Zuge einer Aneignung und Umstrukturierung städtischer Räume durch eine globale informationsgesellschaftliche Elite, die ihren mobilitätssüchtigen Lebensstil durch eine von lokalen Traditionen losgelöste Stadtarchitektur erträglicher macht.[10] Der Verlust städtischer Öffentlichkeit beginnt aber bereits mit der Flucht der Mittelschichtfamilien in die Vorstädte und der Privatisierung der Stadt als Ort des Handels, die in der Privatisierung von Ordnungsfunktionen ihre Absicherung findet.[11]

Es wäre jedoch verfehlt, sozialräumlich manifeste Formen von Ungleichheit ausschließlich als Krisenphänomen zu begreifen und nicht auch als Chance.[12] Noch immer gibt es Milieus auf der Grundlage ethnischer Gemeinsamkeiten, die nicht nur "einsperren", sondern auch Möglichkeiten eröffnen. Die Bildung sozialen Kapitals und die Förderung zivilgesellschaftlicher Öffentlichkeit kann durchaus auf der Erfahrung solcher Gemeinsamkeiten aufbauen, und dies kann sich eine gezielte Aktivierungspolitik zu Eigen machen, indem sie diesen Erfahrungen eine Stimme verleiht.


Fußnoten

3.
Zur theoretischen Erklärung von Strukturen residentieller Segregation vgl. Jens S. Dangschat, Sag' mir, wo Du wohnst, und ich sag' Dir, wer Du bist! Zum aktuellen Stand der deutschen Segregationsforschung, in: PROKLA, 27 (1997) 109, S. 619 - 647.
4.
Vgl. Robert D. Putnam, Schlußfolgerungen, in: ders. (Hrsg.), Gesellschaft und Gemeinsinn. Sozialkapital im internationalen Vergleich, Gütersloh 2001, S. 780 - 782.
5.
Vgl. Hartmut Häußermann, Die Krise der "sozialen Stadt", in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), 50 (2000) 10 - 11, S. 13 - 21.
6.
Vgl. z.B. Robert D. Putnam, Making Democracy Work. Civic Traditions in Modern Italy, Princeton-New Jersey 1993, S. 109.
7.
Vgl. Iris Marion Young, Inclusion and Democracy, Oxford 2000, Kap. 6.
8.
Ebd., S. 196. (Übersetzung durch den Verf.)
9.
Vgl. Klaus Schmals (Hrsg.), Was ist Raumplanung?, Dortmund 1999; Karl-Dieter Keim, Das Fenster zum Raum. Traktat über die Erforschung sozialräumlicher Transformation, Opladen 2003.
10.
Vgl. Manuel Castells, Das Informationszeitalter I: Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft, Opladen 2003, S. 456 - 458.
11.
Vgl. etwa Benno Kirsch, Private Sicherheitsdienste im öffentlichen Raum. Formen und Folgen der Zusammenarbeit mit der Polizei in Berlin und Frankfurt am Main, Wiesbaden 2003.
12.
Vgl. Hartmut Häußermann/Wolfgang Siebel, Integration und Segregation - Überlegungen zu einer alten Debatte, in: Deutsche Zeitschrift für Kommunalwissenschaften, 40 (2001) 1, S. 68 - 79; Monika Alisch/Jens S. Dangschat, Armut und soziale Integration. Strategien sozialer Stadtentwicklung und lokaler Nachhaltigkeit, Opladen 1998.