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17.1.2005 | Von:
Frank Bertsch
Michael-Burkhard Piorkowsky

Impulse für die neue Politik der Sozialen Stadt

Grundlagen der Armutsprävention

Maßnahmen zur Armutsprävention durch Stärkung der Lebensführung von Familien sind insbesondere im Rahmen der haushalts- und familienwissenschaftlichen Armutsforschung und Armutsprävention entwickelt und im ersten Armutspräventionsprogramm des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend umgesetzt worden.[23]

Theoretische Grundlagen für Maßnahmen zur Stärkung der Alltagskompetenzen liefern zum einen die Konzepte der Haushalts- und Wohlfahrtsproduktion, wie sie der deutsche Soziologe Wolfgang Zapf und der amerikanische Ökonom Gary S. Becker formuliert haben. Zum anderen sind die Theorien der Humanvermögensbildung und der Basiskompetenzen als Voraussetzung der Güternutzung für die Lebensgestaltung grundlegend, die an Arbeiten des indischen Ökonomen Amartya K. Sen anknüpfen. Der Haushaltsproduktionsansatz versteht Privathaushalte als basale Akteure. Haushaltsproduktion in einem umfassenden Sinn ist die Gestaltung der Lebenslage durch einen Prozess der Transformation von humanen, materiellen und sozialen Ressourcen des Haushalts bzw. der Haushaltsmitglieder unter Rückgriff auf die sozioökonomische und ökologische Umwelt in die letztlich nutzen- und wohlfahrtstiftenden Endprodukte, z.B. verzehrfertige Mahlzeiten, gemütliche Wohnung und sozialisierter Nachwuchs. Den humanen Ressourcen wie Wissen, Fähigkeiten und Handlungsbereitschaft kommt dabei eine entscheidende Rolle zu. Es liegt nahe, solche Kompetenzen zu fördern, wenn sie fehlen.

Weitere wissenschaftliche Grundlagen liefern Ergebnisse der empirischen Forschung, insbesondere zu Armut, Verarmung und Armutsüberwindung, Sozialhilfebezug, Überschuldung, Financial Literacy und Ökonomischem Analphabetismus. Übereinstimmend wird nachgewiesen, dass fehlende Kompetenzen für die Gestaltung des Alltags in Haushalt und Familie häufig zumindest mit ursächlich für defizitäre Lebenslagen sind; theoretisch begründet, aber auch empirisch belegt ist die positive Wirkung von diesbezüglichen Maßnahmen der Bildung und Beratung.

Praktische Grundlage der bereits erwähnten Maßnahmen zur Stärkung der Lebensführung von Familien war das von der Bundesregierung in der 14. Legislaturperiode des Deutschen Bundestags beschlossene "Maßnahmenkonzept zur Armutsprophylaxe", kurz: Armutspräventionsprogramm, das in der Ressortzuständigkeit des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend in sechs Programmteilen konkretisiert wurde. Darunter waren neben den forschungsorientierten Programmteilen auch solche zur praktischen Stärkung von Haushaltsführungskompetenzen durch Bildung und Beratung.

In einer konzertierten Aktion fanden Verbände der Wohlfahrtspflege und der Hauswirtschaft mit privaten und kommunalen Kooperationspartnern in Projekten zur Armutsprävention zusammen. Deren Zielsetzung bestand in der Stärkung von Kompetenzen für Haushalt und Familie durch präventiv orientierte Kursangebote bzw. zugehende Unterstützung von Menschen in prekären Lebensverhältnissen sowie durch Entwicklung und Erprobung von Bildungskonzepten und Qualifizierungsmaßnahmen von Multiplikatoren und Multiplikatorinnen in der Kinder-, Jugend- und Erwachsenenbildung. Im Zeitraum von Ende 1999 bis 2002 wurden über 100 Kurse und Kursreihen an über 50 Standorten in Deutschland von rund 40 Projektträgern und Kooperationspartnern entwickelt und durchgeführt.

Resümierend kann festgestellt werden, dass das Bund-Länder-Programm "Soziale Stadt" noch familien- und generationenpolitische Lücken aufweist; es bietet sich folglich die Ergänzung eines übergeordneten Schwerpunkts "Stärkung der Lebensführung von Familien" und eine Implementierung von entsprechenden Bildungs- und Beratungsprojekten an. Das wäre ein neuer politischer Impuls, den sich die Gutachter und die Experten-/Steuerungsgruppe der Zwischenevaluierung für die Weiterentwicklung des Programms wünschen.

Internetverweise der Autoren
Informationen über das Bund-Länder-Programm "Soziale Stadt" bietet: www.sozialestadt.de

Die Deutsche Gesellschaft für Hauswirtschaft e.V. ist unter folgender Adresse zu erreichen: www.dghev.de

Über einen neuen Ansatz der Bildung für Haushalt und Familie informiert: www.neuehauswirtschaft.de


Fußnoten

23.
Vgl. dazu Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.), Lebenslagen von Familien und Kindern. Dokumentation von Expertisen und Berichten, die im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen der Erstellung des Ersten Armuts- und Reichtumsberichts der Bundesregierung erarbeitet wurden. Materialien zur Familienpolitik, Nr. 11, Berlin 2001; Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung (Hrsg.), Aspekte der Armuts- und Reichtumsberichterstattung: Reichtum und Eliten - Haushaltsproduktion und Armutsprävention. Dokumentation des 2. Wissenschaftlichen Kolloquiums am 8./9.10. 2003, Bonn, März 2004.