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19.3.2007 | Von:
Bodo Gemper

Ludwig Erhard revisited

Wiederbesinnung auf die "Arbeits- und Marktgemeinschaft"

Bundespräsident Horst Köhler gibt zu bedenken, dass, "wenn wir die Globalisierung zum Wohle aller gestalten, (...) wenn wir auch weltweit Wettbewerb mit sozialem Ausgleich verbinden, wie es uns in Deutschland mit der Sozialen Marktwirtschaft gelungen ist, dann bleibt unser Bekenntnis glaubhaft, dass alle Menschen auf unserem Planeten Anspruch auf ein menschenwürdiges Leben haben."[6] Aber "welchen Ordnungsrahmen braucht unsere veränderte Welt, um Teilhabe für jeden Einzelnen an den Ressourcen, am Wachstum und am Fortschritt zu ermöglichen"?[7] "Alle müssen am Erfolg teilhaben", war Erhards Credo, ist es doch "der soziale Sinn der Marktwirtschaft, daß jeder wirtschaftliche Erfolg (...) dem Wohle des ganzen Volkes nutzbar gemacht wird". War nicht "eine gültige und wirksame Antwort auf die soziale Frage (...) nach vielen Irrwegen und katastrophalen Irrtümern im Grunde erst der Sozialen Marktwirtschaft"[8] als "Zweckerfüllung einer Friedenswirtschaft" im Sinne Erhards gelungen? Selbst der letzte Vorsitzende der Staatlichen Plankommission der DDR (1965 - 1989), Gerhard Schürer, räumte ein, "dass sich die Soziale Marktwirtschaft gegenüber der Planwirtschaft als überlegen erwiesen hat" und er sich "wünschen würde, dass sie erhalten bleibt im Sinne von Ludwig Erhard - vor allem, dass man sie sozial erhält".[9] Der "Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD" erwähnt "Soziale Marktwirtschaft".[10] Mithin: Dieser Bezug auf die "Soziale Marktwirtschaft" und auf "Ludwig Erhards Ideal einer Gesellschaft von Teilhabern ist aktueller denn je."[11] Vermag aber "das Programm der Sozialen Marktwirtschaft", dieser elegante "Gegenentwurf zum totalitären Sozialismus"[12] und für das wirtschaftspolitische Erfolgsmodell des Wiederaufbaus Westdeutschlands, den Veränderungen, die sich im Laufe eines halben Jahrhunderts vollzogen haben, gerecht zu werden? Ist es auch ein Leitbildfürdas 21. Jahrhundert, oder eignet es sich sogar "zum Ordnungsmodell in ganz Europa"?[13]

Die Vorstellungen über Soziale Marktwirtschaft, eine Idee, die neben Grundgesetz und dualer Berufsausbildung "die Menschen in der gesamten Welt inspirierte",[14] lassen in Deutschland ein Beurteilungsspektrum erkennen, das entweder der schlichten Vorstellung entspringt, 1948 habe in Westdeutschland "die Preisfreigabe wie eine Initialzündung" gewirkt: "Über Nacht waren die Läden mit einem üppigen Warenangebot gefüllt. Das hat geklappt, weil die Menschen sehnsüchtig auf das Neue warteten."[15] Oder aber Soziale Marktwirtschaft wird als ein ordnungspolitisches Konzept begriffen, das "eine marktwirtschaftliche und eine soziale Komponente"[16] enthält, als Teil des "gesellschaftspolitischen Leitbildes" von Erhard.

Fußnoten

6.
Horst Köhler, "Freiheit und Teilhabe". Rede auf dem Bundeskongress des Deutschen Gewerkschaftsbundes in Berlin am 22. Mai 2006, in: Horst Köhler, Reden und Interviews, Bd. 2, Berlin 2006, S. 301.
7.
Angela Merkel, Rede der Vorsitzenden der Christlich Demokratischen Union Deutschlands auf dem 20. Parteitag der CDU Deutschlands. Auszug aus dem Stenographischen Protokoll, Dresden, 27. 11. 2006, S. 16.
8.
Ebd., S. 16.
9.
In der Europäischen Akademie Otzenhausen am 9.November 2003.
10.
Gemeinsam für Deutschland. Mit Mut und Menschlichkeit. Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SDP, Bonn-Berlin 2005, S. 20.
11.
H. Köhler (Anm. 6), S. 300.
12.
Christian Watrin, Fünf Jahrzehnte Soziale Marktwirtschaft: Eine Bilanz, in: Ist die deutsche Wirtschaftspolitik richtig? Zum 100. Geburtstag von Wilhelm Röpke, Krefeld 2000, S. 17.
13.
Otto Schlecht, Die Bedeutung ordnungspolitischer Prinzipien heute und morgen, in: Ludwig-Erhard-Stiftung, Die Wirtschaftsordnungspolitik vor aktuellen Herausforderungen, Bonn 1991, S. 40.
14.
Angela Merkel, Regierungserklärung der Bundeskanzlerin, Deutscher Bundestag, Stenographischer Bericht, 4. Sitzung, vom 30.11. 2005, Protokoll 16/4, S. 77 II.
15.
Erhard habe zwar "erhebliche Widerstände zu überwinden" gehabt. "Dennoch war seine Aufgabe verhältnismäßig einfach. Er musste nur ein paar Generäle und ihre Berater überzeugen." Randolf Rodenstock, Chancen für alle. Die Neue Soziale Marktwirtschaft, Köln 2001, S. 31.
16.
Artur Woll, Wirtschaftspolitik, München 1992(2), S. 84.