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19.3.2007 | Von:
Bodo Gemper

Ludwig Erhard revisited

Ausbalancierung der Internationalökonomie

Der 'Exportweltmeister' Deutschland erfährt im Zuge sich verändernder Koordinaten der Weltwirtschaft ungewohnten Wettbewerbsdruck seitens sich neu formierender 'Global Players'. Eine Umkehr der Globalisierung kündigt sich an: Rückzug auf nationale Positionen, sich wieder belebende protektionistische Tendenzen, feindliche Gesinnung gegenüber 'Hedge Fonds'. In dem Maße, wie der These "die Soziale Marktwirtschaft hat sich bewährt" zugestimmt werden kann, ist die daran anschließende zu hinterfragen: "Sie ist die beste Wirtschaftsordnung auch für dieZukunft."[47] Ist damit eine Zukunft in Deutschland gemeint? In Europa? Weltweit? Lässt sich "nach Jahren des Verfalls der Ordnungspolitik"[48] das Konzept Erhards für eine offene Volkswirtschaft, das auf "die geistigen Grundlagen gesunden Außenhandels" sowie die "Bereitschaft und Fähigkeit zu harmonischer Zusammenarbeit mit der ganzen Welt" setzte, auch in einem weltoffenen Markt anwenden, selbst wenn es einem zerstörten Land zur "Rückkehr zum Weltmarkt" verholfen hat? "Wirtschaftspolitik (...) und das sie tragende wirtschaftspolitische Konzept müssen auf den zweckmäßigen Weg der wirtschaftspolitischen Zielerfüllung überprüft werden"[49]; das gilt erst recht für die Ordnungspolitik, denn: "Nationale Wirtschaftspolitik allein reicht unter den sich wandelnden Bedingungen nicht mehr aus, die wirtschaftspolitischen Ziele zu erreichen (...)", ist doch "eine internationale wirtschaftspolitische Kooperation (...) zu den nationalen wirtschaftspolitischen Instrumenten" hinzugetreten.[50]

Da es keine Welt(-wirtschafts-)ordnung gibt, wird es auch keine Weltordnungspolitik geben, der das Modell Erhard Pate stehen könnte. Ob es für die Europäische Union als Referenzmodell dienen könnte, hängt vom Schicksal des "Vertrages über eine Verfassung für Europa" ab, der als eines der Ziele der Union "eine in hohem Maße wettbewerbsfähige soziale Marktwirtschaft"[51] benennt. Auch die Bundeskanzlerin weiß: "In dem Moment aber, in dem sich die Wirtschaft global ausbreitet, entzieht sie sich zunehmend der bisherigen Ordnungsfunktion des Nationalstaates."[52]

Fußnoten

47.
Vgl. http://www.ludwig-erhard-stiftung.de/organisation.htm (12.2. 2007).
48.
Ch. Watrin (Anm. 12), S. 17.
49.
Claus Köhler, Internationalökonomie. Ein System offener Volkswirtschaften, Berlin 1990, S. 5.
50.
Ebd.
51.
Europäischer Konvent, Vertrag über eine Verfassung für Europa, Entwurf, Luxemburg 2003, S. 9.
52.
A. Merkel (Anm. 7), S. 15.