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19.3.2007 | Von:
Bodo Gemper

Ludwig Erhard revisited

Gewinn ist nicht alles

Während "das Modell der Sozialen Marktwirtschaft (...) ein Produkt einer politischen, wirtschaftlichen und geisteswissenschaftlichen, kurz: einer gesellschaftlichen Entwicklung"[31] ist, in der "der Mensch im Mittelpunkt der Wirtschaft steht", wird sie gelegentlich mit neoliberaler Politik verwechselt, der es an sozialer Verantwortung mangele. Das Finanzkapital dominiere das Gewinnstreben.[32] Nicht so bei Erhard: Bereits 1948 hat er an das Pflichtgefühl appelliert und "in letzter Konsequenz gerade den verantwortlichen Unternehmern, die über den Produktions- und Verteilungsapparat der Volkswirtschaft verfügen, die größten Opfer, die höchste Einsicht und Verantwortung" abverlangt. Deutschlands prominentester Bankier, Hermann J. Abs, ein Vertrauter Erhards, gab 1973 zu bedenken: "Unter dem Aspekt der Gesellschaftsbezogenheit des wirtschaftlichen Handelns wird der Unternehmer aber über die ihm gewohnte Orientierung am Markt noch hinausgehen und den gesellschaftspolitischen Auswirkungen seines Verhaltens, das heißt, zugleich der Tätigkeit seines ganzen Unternehmens, vorrangige Bedeutung einräumen."[33] Er präzisierte: "Gewinn ist gut, aber nicht alles", ist doch "die Gewinnerzielung (...) nicht Selbstzweck, sondern ein Steuer- und Kontrollelement in der Wettbewerbswirtschaft. Der Gewinn ist eine Lebensvoraussetzung für jedes Unternehmen und so notwendig wie die Luft zum Atmen für den Menschen. Wie der Mensch aber nicht nur lebt, um zu atmen, so betreibt er auch nicht seine wirtschaftliche Tätigkeit, nur um Gewinn zu machen."[34]

Fußnoten

31.
K. I. Horn (Anm. 28), S. 115.
32.
Vgl. Egon Edgar Nawroth, Die Sozial- und Wirtschaftsphilosophie des Neoliberalismus, Heidelberg 1962(2). Nawroth würdigt "das Wesen der sozialen Marktwirtschaft" im Lichte der "Sozial- und Wirtschaftsphilosophie des Neoliberalismus" und erklärt, worin sich u.a. F. Böhm, L. Erhard, W. Eucken oder A.Müller-Armack ordnungspolitisch unterscheiden und wie die Soziale Marktwirtschaft "in sich die Elemente der Freiheit, der Selbstbestimmung und Gemeinhaftung" vereinigt (S.374).
33.
Hermann J. Abs, Gewinn ist gut, aber nicht alles. Das Selbstverständnis des Unternehmens heute, in: Handelsblatt vom 16./17.2. 1973, S. 26.
34.
Ebd.