APUZ Dossier Bild

19.3.2007 | Von:
Bodo Gemper

Ludwig Erhard revisited

Sozialer Imperativ: "Maß halten" und "Teilhabe"

Da die Deutschen dazu neigten, "das Gefühl für die Realitäten des Lebens relativ rechtschnell zu verlieren", angesichts der "Anzeichen" von "Maßlosigkeit", ja "Hybris", versuchte Erhard, "den Marktteilnehmern (...) klarzumachen, wie sehr sich das Befolgen der Stimme des gesunden Menschenverstandes und der wirtschaftlichen Vernunft letztlich zu ihren eigenen Gunsten auswirkt". Zur "Aufrechterhaltung der sozialökonomischen Ordnung" sei zu verhindern, dass ein "Umleitungsprozeß bei der sozialen Beurteilung des Marktprozesses" und "das regulative Prinzip sozialer Interventionen in der Marktwirtschaft"[35] den Produktivitätsfortschritt behindern, weil eine vom Leistungswettbewerb abgekoppelte "Sozialpolitik (...) immer die Funktionstüchtigkeit und damit auch diese soziale Dimension der Märkte" beeinträchtige.[36]

Erhards Wirtschaftspolitik zeichnet ein Built-in Social Balancing aus: einen ständigen auf marktimmanentem Wege sich vollziehenden sozialen Ausgleich "im Interesse des sozialen Friedens". In der Tat: "Das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft basiert auch darauf, dass die Marktwirtschaft bei funktionierendem Wettbewerb in sich bereits wichtige soziale Funktionen erfüllt."[37] Sie ist auch nicht der sozialen Frage als Arbeiterfrage des 19. Jahrhunderts, dem Kollektivgedanken, verhaftet: Erhard beabsichtigte, "innerhalb der Sozialordnung der individuellen Verantwortung breiten Raum zu geben", damit "sich die Menschen als Individuen fühlen und sich gerade in der persönlichen Freiheit ihrer Kraft und Würde bewußt werden". Daraus erwachse die Pflicht des Einzelnen, in Freiheit zukunftsorientiert "selbstverantwortlich und individuell Vorsorge zu treffen", für seine soziale Sicherung primär selbst zu sorgen: "Ich will mich aus eigener Kraft bewähren, ich will das Risiko des Lebens selbst tragen, will für mein Schicksal selbst verantwortlich sein. Sorge du, Staat, dafür, daß ich dazu in der Lage bin." Erhard band den Gehalt des Sozialen folgerichtig an die Chance zur Teilhabe am Arbeitsmarkt, auf dem der Einzelne Beschäftigung zu marktwirtschaftlichen Bedingungen und ein Einkommen finden kann, das sich - da "die Lohnkosten ... in ihrer jeweiligen Höhe ein Ausfluß der Produktivität" sind, am "Produktivitätsfortschritt" orientiert und damit gleichzeitig zur "Preisstabilität" beiträgt.

Fußnoten

35.
Alfred Müller-Armack, Soziale Marktwirtschaft, in: Handwörterbuch der Sozialwissenschaften, 9. Bd., Stuttgart-Tübingen-Göttingen 1956, S. 391.
36.
Gerhard Schwarz, An den Grenzen des Wohlfahrtsstaates, in: ders. (Hrsg.), Das Soziale der Marktwirtschaft, Zürich 1990, S. 13.
37.
Hans Tietmeyer, Soziale Marktwirtschaft und stabile Geldordnung: Zwei Seiten einer Medaille, in: Ludwig-Erhard-Stiftung (Hrsg.), Ludwig-Erhard-Medaille für Verdienste um die Soziale Marktwirtschaft, Bonn 1999, S. 16.