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19.3.2007 | Von:
Bodo Gemper

Ludwig Erhard revisited

Bewährte Grundlagen - neue Chance

Karl Schiller leitete mit der Wirtschaftspolitik einer "globalgesteuerten Marktwirtschaft"[41] einen Substanzverzehr der Sozialen Marktwirtschaft ein. Erhard beklagte 1972, dass "mit dem Jahre 1966, (...) mit der Großen Koalition (1966 bis 1969, B.G.) (...) die Verneinung der Werte, an die wir vorher geglaubt haben", begonnen habe.

Die mit der Regierungsübernahme Helmut Kohls im Jahre 1982 einsetzende "Reaktivierung der ursprünglichen Erhardschen Ordnungspolitik"[42] wurde "im Zeichen der angebotsorientierten Wirtschaftspolitik" in "Redynamisierungs-, Aufbau- und Umstrukturierungspolitik" verwandelt.[43] Auch die zu Beginn der Kanzlerschaft von Gerhard Schröder 1998 ventilierte Möglichkeit, auf Erhards "Prinzipien von Pragmatismus und Anti-Dirigismus"[44] zu setzen, wurde verworfen. So blieb es der ihre Unabhängigkeit bewahrenden Deutschen Bundesbank vorbehalten, über die Ära Adenauer-Erhard hinaus die volle Last der Verantwortung für die Stabilität zu tragen: Die Deutsche Mark etablierte sich als Stabilitätsanker in Europa. Alle Präsidenten der Bundesbank standen "hinter dem stabilen Geld".[45] Sie verkörperten die deutsche Stabilitätskultur.[46]

Fußnoten

41.
Karl A. Schiller, Reden zur Wirtschaftspolitik, Bundesministerium für Wirtschaft, BMWI-Texte, Bd. 1, Bonn 1967, S. 49.
42.
H. F. Wünsche (Anm. 17), S. 62.
43.
Ebd., S. 63.
44.
Bodo Hombach, Aufbruch. Die Politik der Neuen Mitte, München-Düsseldorf 1998, S. 14.
45.
Die Köpfe hinter dem stabilen Geld, eine Ahnengalerie der Bundesbankpräsidenten (...), in: FAZ vom 12. 5. 2004, S. 15.
46.
Vgl. Manfred J. M. Neumann, Geldwertstabilität: Bedrohung und Bewährung, in: Fünfzig Jahre Deutsche Mark. Notenbank und Währung in Deutschland seit 1948, München 1998, S. 343f.