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19.3.2007 | Von:
Eckhard Hein
Achim Truger

Die deutsche Wirtschaftspolitik am Scheideweg

Lohnpolitik

Wie schon seit Mitte der 1990er Jahre war die Lohnentwicklung, gemessen am Arbeitnehmerentgelt pro Arbeitnehmer, in Deutschland - verglichen mit dem Rest des Euroraums oder den USA - auch von 2001 bis 2005 besonders zurückhaltend (vgl. Tabelle 4 der PDF-Version). Das deutsche Lohnstückkostenwachstum lag folglich deutlich unter dem Euroraum-Durchschnitt und war wesentlich für die unterdurchschnittliche Inflation verantwortlich. Seit 2004 ist das Lohnstückkostenwachstum sogar negativ, so dass von der Lohnentwicklung mittlerweile ein erhebliches Deflationsrisiko ausgeht, d.h. ein Risiko fallender Güterpreise und steigender realer Verschuldung insbesondere der Unternehmen mit entsprechenden negativen Effekten auf die Investitionen. In der Vergangenheit sind die Güterpreise nur deshalb nicht zurückgegangen, weil die Preise für importierte Energie sowie die staatlichen Gebühren und Steuern gestiegen sind und die Unternehmen ihre Gewinnmargen erhöhen konnten.

Eine im europäischen Vergleich unterdurchschnittliche deutsche Lohnentwicklung dominierte zwar auch schon in langen Phasen vor der Währungsunion, war zu dieser Zeit aber die Grundlage für die deutsche Leitwährungsposition im EWS, die es der Deutschen Bundesbank erlaubte, erheblich geringere Nominal- und Realzinsen festzusetzen.[12] Nach der Währungsunion hingegen wird die deutsche Lohnzurückhaltung als Grundlage für die unterdurchschnittliche Inflationsrate durch überdurchschnittliche Realzinsen bestraft. Die moderate Lohnentwicklung in Deutschland trug auch zu einem verstärkten Rückgang der Arbeitseinkommensquote bei. Zusammen mit der allgemeinen Verunsicherung, die durch die Politik der Strukturreformen erzeugt wurde, war die massive Umverteilung zu Lasten der Arbeitnehmer der wesentliche Grund der allseits beklagten Konsum- und Binnennachfrageschwäche. Auch im Euroraum insgesamt setzte sich in den 1990er Jahren der Trend fallender Arbeitseinkommensquoten fort, allerdings seit 2001 mit einem geringeren Tempo als in Deutschland. In den USA hingegen konnte die Tendenz fallender Arbeitseinkommensquoten in den 1990er Jahren aufgehalten werden, so dass diese Quote mittlerweile etwa zwei Prozentpunkte über der im Euroraum oder in Deutschland liegt.

Die Lohnzurückhaltung in Deutschland hat die preisliche internationale Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen deutlich verbessert, so dass sich die Exportüberschüsse zwischen 2001 und 2005 fast vervierfacht haben. Allerdings reichten diese Exporterfolge nicht aus, um die Binnennachfrageschwäche zu kompensieren. Da über 40 Prozent der deutschen Exporte in den Euroraum gehen, stehen den steigenden deutschen Export- und Leistungsbilanzüberschüssen ansteigende Leistungsbilanzdefizite - oder rückläufige Überschüsse - der Partnerländer in der Währungsunion gegenüber. Weil sich die anderen Länder nicht mehr durch eine nominale Abwertung wehren können, geraten sie zunehmend unter Druck, ebenfalls eine Nachfrage dämpfende Politik zu verfolgen, um das Lohnwachstum zu reduzieren und hierdurch ihre Wettbewerbsposition zu verbessern. Die von der Lohnentwicklung ausgehenden Deflationsrisiken in Deutschland drohen daher zunehmend auf den Euroraum auszustrahlen. Die deutsche Lohnentwicklung ist damit zu einem gefährlichen Sprengsatz für die Währungsunion geworden.

Fußnoten

12.
Vgl. E. Hein/A. Truger (Anm. 1).