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19.3.2007 | Von:
Heinz-J. Bontrup

Wettbewerb und Markt sind zu wenig

Einzelwirtschaftliche Rationalitätsfalle

Die immanenten Schwächen des Markt- und Wettbewerbsprinzips zeigen sich auch in dem paradoxen Ergebnis eines einzelwirtschaftlichen rationalen Verhaltens und den daraus folgenden gesamtwirtschaftlichen Wirkungen. Der von Adam Smith aufgestellten kapitalistischen "Harmonielehre", wonach das egoistisch motivierte Handeln letztlich wettbewerbsvermittelt in einen insgesamt gesamtwirtschaftlichen Vorteil (Wohlfahrt) umschlägt, widersprach John Maynard Keynes. Er erkannte hier vielmehr einen im System angelegten "Webfehler" einer "kapitalistischen Rationalitätsfalle", die das Auseinanderfallen von einzel- und gesamtwirtschaftlicher Logik beschreibt. "Wenn ich meine Ausgaben individuell reduziere, um meine laufenden Ausgaben an die Einnahmen anzupassen, kann ich davon ausgehen, dass mir das gelingt, weil meine Sparentscheidung keinen Einfluss auf meine Einnahmen hat. Wenn aber alle Wirtschaftssubjekte ihre Ausgaben reduzieren, vermindert das auch ihre Einnahmen."[8] Was also auf einzelwirtschaftlicher Ebene, ob beim privaten Haushalt oder beim Unternehmen, durchaus rational sein mag, schlägt gesamtwirtschaftlich negativ auf das ganze System zurück.

Wird beispielsweise immer mehr von den privaten Haushalten gespart - auch in Bezug auf eine kapitalgedeckte Rente - und werden auf unternehmerischer Ebene immer stärker die Kosten gesenkt und wird womöglich auch beim Staat gespart, so kommt es letztlich zu einem Ausfall an privater und staatlicher konsumtiver und investiver gesamtwirtschaftlicher Nachfrage. Weil Unternehmer aus ihrer interessenorientierten Sicht (rational) nach maximaler Gewinnproduktion streben und dazu die Arbeitskosten, die immer in exakt gleicher Höhe Arbeitseinkommen implizieren, senken, beeinflussen sie zwar positiv ihre individuellen betrieblichen Ausgaben. Diese gehen zurück und ceteris paribus steigen zunächst ihre Gewinne. Mit dem Rückgang der Arbeitskosten sinkt aber gleichzeitig auch dasgesamtwirtschaftliche Masseneinkommen. Senken nun alle Unternehmen ihre Arbeitskosten, dann geht die Rechnung für alle Unternehmen nicht mehr auf. Erstens resultiert aus der Absenkung kein intendierter Wettbewerbsvorteil mehr. Es ist ein Nullsummenspiel auf abgesenktem Niveau. Was die einen vermeintlich gewinnen, müssen die anderen verlieren. Da die Kosten (Ausgaben) des einen in einer geschlossenen Volkswirtschaft die Einnahmen des anderen sind, gehen zweitens insgesamt für alle Unternehmen die Umsätze, zunächst in Form von Absatzeinbußen zurück. Hierdurch wird ein verschärfter "destruktiver Preiswettbewerb" ausgelöst und gleichzeitig ein "konstruktiver Wettbewerb" über innovativ verbesserte oder sogar ganz neue Produkte behindert. Die Preissenkungen führen womöglich sogar zu deflatorischen Tendenzen.

Dies bleibt natürlich in der zweiten Phase nicht ohne Folgen für den Gewinn der Unternehmen. Dieser geht nach anfänglicher Erhöhung zurück und viele - in der Regel mittelständische Unternehmen - schreiben sogar Verluste. Um sich aus der Krise unternehmensindividuell zu befreien, versuchen die Unternehmen weiter, ihre Kosten zu senken. Es kommt zu einer gefährlichen Abwärtsspirale, aus der es ohne staatliche Intervention keinen marktimmanenten Ausweg gibt. "Kostensenkungen, die große Wunderwaffe der neoliberalen Ökonomen, politischen Laienspieler und Unternehmensberater, sind - aus gesamtwirtschaftlicher Sicht - zwingend ein Rohrkrepierer'."[9] Dies ist eine weitere wichtige keynesianische Erkenntnis. Im Jahr 1926 beschreibt Keynes deshalb auch das "Ende des Laissez-Faire". Er sieht deutlich, dass ein markt- bzw. wettbewerblicher Selbstlauf ohne staatliche Interventionen auf Grund der "Rationalitätsfalle" allenfalls suboptimale gesamtwirtschaftliche Ergebnisse zeitigt, und er zieht daraus die Konsequenz, wenn er schreibt: "Ich bringe den Staat ins Spiel; die Laissez-Faire-Doktrin gebe ich auf."[10]

Fußnoten

8.
Peter Bofinger, Wir sind besser, als wir glauben. Wohlstand für alle, München 2005(3), S. 112.
9.
Heiner Flassbeck, Wie Deutschland wirtschaftlich ruiniert wurde. Ein Bericht aus dem Jahr 2010, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, (2003) 8, S. 956f.
10.
Zit. in: Gerhard Willke, John Maynard Keynes, Frankfurt/M. 2002, S. 18.