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24.11.2008 | Von:
Bruno Preisendörfer

Bildung, Interesse, Bildungsinteresse - Essay

Bildung

Zu den Missverständnissen der aktuellen Bildungsdiskussion gehört die kuriose Idee, Deutschland sei eine Bildungsgesellschaft. Ein Gemeinwesen, in dem Politiker bei Sonntagsreden vom verschimmelten Humboldt'schen Bildungsideal schwärmen, aber bei näherem Befragen kaum den Alexander vom Wilhelm unterscheiden können, ist keine Bildungsgesellschaft. Ein Gemeinwesen, in dem Rateonkel von den Fernsehzuschauern als geistige Leitfiguren bewundert werden, ist keine Bildungsgesellschaft. Ein Gemeinwesen, in der Massen von sonst ganz vernünftigen Erwachsenen Romane über pubertierende Zauberlehrlinge oder die Feuchtgebiete intimrasierter Teenies lesen, ist keine Bildungsgesellschaft. Ein Gemeinwesen, in dem Leute mit akademischer Ausbildung das Wort intellektuell abfällig benutzen und Hochkultur als Zumutung gilt, ist keine Bildungsgesellschaft. Ein Gemeinwesen, in dem journalistische Meinungsmacher das betäubende Niveau ihrer gemachten Meinung damit rechtfertigen, ihr Publikum abholen zu müssen - vielleicht wie Mami und Papi die Kleinen vom Kindergarten -, ist keine Bildungsgesellschaft. Ein Gemeinwesen, in dem durchschnittliche Rechtsanwältinnen und mittelmäßige Ingenieure sich ohne mit der Wimper zu zucken den Leistungsträgern der Elite zurechnen, aber gleichzeitig alles an Kunst und Kultur, was nicht die Durchschnittlichkeit und das Mittelmaß bedient, als elitär beschimpfen, ist keine Bildungsgesellschaft. Ein Gemeinwesen, in dem der Autor eines Essays zum Thema Bildung überlegen muss, ob ein Satz wie der vorhergehende zu lang oder zu kompliziert ist, mag alles mögliche sein, nur eine Bildungsgesellschaft ist es nicht.

Vielleicht könnte man von Ausbildungsgesellschaft sprechen, weil den Menschen ohne Ausbildung häufig selbst mittelmäßige Chancen vorenthalten bleiben. Oder man könnte von Wissensgesellschaft sprechen, weil technische und wissenschaftliche Innovationen, die von Experten und Spezialisten hervorgebracht werden, die allgemeine Entwicklung maßgeblich bestimmen. Oder von Informationsgesellschaft, weil aus unseren Fernsehapparaten das weiße Rauschen der öffentlichen Debatten dröhnt und auf den Bildschirmen unserer Computer unentwegt schlecht verstandene Contents mit gut gemachter Reklame um die Wette blinken.

Alle diese Etikettierungen, mögen sie nun überzeugen oder nicht, haben nichts mit Bildung zu tun, sofern dieser misshandelte Begriff einen selbständigen Sinn behalten soll. Dieser muss gegen die Indienstnahme durch Erwerbs- und Statusinteressen verteidigt werden. Bildung ist nicht der Büttel des persönlichen Fortkommens, sondern ein eigenständiger Wert. Wer Bildung bloß als Hilfsmagd der eigenen Karriere ansieht, hat keine. Aus diesem Grund sind auch eine gute Schulausbildung oder ein Universitätsstudium nicht identisch mit Bildung. Guten Schulen und Universitäten gelingt es, zu bilden, indem sie ausbilden, aber die Ausbildung allein ist noch keine Bildung. Wer ein Hochschulexamen hinter sich gebracht hat, kann nicht allein wegen seiner fachlichen Ausbildung als gebildet gelten, sondern nur weil und wenn er oder sie in Zusammenhang mit dieser Ausbildung noch etwas anderes erfahren und begriffen hat. Des Weiteren hat Bildung nichts mit Gescheitheit oder mit einem bestimmten Intelligenzgrad oder einer spezifischen Begabung zu tun. Gescheite Menschen können sehr unklug sein, halbe Genies auf einem Feld ganze Trottel auf allen anderen. Hohe Intelligenz bewirkt nicht automatisch geistige Offenheit. Zwar kann ohne ein Fundament an kulturellen, geschichtlichen und naturwissenschaftlichen Sach- und Fachkenntnissen, wie sie Schulen und Universitäten vermitteln, das Gebäude der Bildung nicht errichtet werden. Aber wenn dieses Fundament der Kenntnisse gelegt ist, fängt der eigentliche Hochbau des Denkens erst an.

Was bleibt nach diesen Einschränkungen vom Begriff der Bildung übrig? Das, was sich weder durch fachwissenschaftliche Wahrheiten disziplinieren noch durch persönliche oder politische Interessen versklaven lässt. Bildung ist Selbstzweck: Gebildete Menschen verfügen über die Fähigkeit, geistige, ästhetische und ethische Erfahrungen zu machen, weil sie sich für geistige, ästhetische und ethische Erfahrungen interessieren, und zwar auch dann, wenn dadurch die eigenen Wertvorstellungen und Lebensbedürfnisse in Frage gestellt werden. Das hat auch etwas mit Transzendenz zu tun. Dabei wird der eigene Horizont nicht etwa erweitert, wie es immer so schrecklich engstirnig heißt, sondern überschritten: Es gibt Größeres als die eigene Existenz.

Gebildete Menschen können zwischen Meinungen, Sachverhalten und Argumenten unterscheiden und halten sich beim Nachdenken mehr an letztere als an erstere. Sie wissen, dass Meinungen im politischen Interessenkampf zwar relevant, aber in der Sache oft fragwürdig sind. Auch wer von nichts eine Ahnung hat, bildet sich über alles eine Meinung. Und doch ergeben noch so viele gebildete Meinungen keinen gebildeten Menschen. Die mediale Fetischisierung von Kernthesen und Hauptbotschaften und die aggressive Ungeduld gegenüber einem allmählichen Entfalten von Argumenten ist ein weiterer Hinweis darauf, dass die strapazierte Vokabel von der Bildungsgesellschaft nicht be-, sondern bloß abgegriffen ist, wie eine durch viele und nicht immer saubere Hände gegangene Münze. Zur Fähigkeit, um der Erkenntnis Willen wenigstens probehalber und vorübergehend von den eigenen Werten und Bedürfnissen abzusehen, gehört auch der Sinn für das Historische, oder, um es pathetisch zu sagen: Ein Gespür für Endlichkeit. Und zwar für die biologische Endlichkeit des eigenen Lebens wie für die geschichtliche Endlichkeit der eigenen Gesellschaft. Wer nicht zu dem Gedankenspiel fähig ist, sich die Wahrheiten, Interessen und Meinungen der Gegenwart unter dem prüfenden Blick zukünftiger Historiker vorzustellen, kann sich nicht gebildet nennen.

Ein solcher Blick aus der Zukunft über die Gegenwart und unmittelbare Vergangenheit unserer sogenannten Bildungsgesellschaft fiele ernüchternd aus. Seit dem Sputnik-Schock 1957, als der erste sowjetische Weltraumsatellit die westliche Welt aus der Fassung brachte, wurden zurückliegende Bildungskatastrophen beklagt, vorhandene Bildungsmiseren angeprangert und bevorstehende Bildungsoffensiven verkündet. Stets ging es dabei auch um soziale Ungerechtigkeit, ob dies wie in den 1960er und 1970er Jahren die Forderung nach mehr Chancengleichheit nach sich zog oder nach mehr ,Chancengerechtigkeit in den 1980er und 1990er Jahren - bis dann der PISA-Schock bewies, dass sich an der Chancenungleichheit der Kinder aus den unteren Sozialschichten und der Chancenungerechtigkeit gegen Kinder aus bildungsfernen Familien über all die Jahre und Jahrzehnte nur wenig geändert hat. Die Litanei der schlimmen Befunde setzt sich bis heute fort:

  • Im Dezember 2001 sagte Jürgen Baumert, der wissenschaftliche Leiter der ersten PISA-Studie in Deutschland: "Die Chancen eines Arbeiterkindes, anstelle der Realschule ein Gymnasium zu besuchen, sind viermal geringer als eines Kindes aus der Oberschicht."
  • Im September 2002 meldete "Der Spiegel": "Von den 32 untersuchten Nationen ist in keiner der Abstand zwischen der Leistung von Schülern aus privilegierten Familien und solchen aus unteren sozialen Schichten derart groß wie in Deutschland: Platz 32."
  • Im April 2003 stand in der "Zeit": "Je früher die Auslese, je hierarchischer die Schulstruktur, desto stärker schlägt sich die soziale Herkunft eines Schülers auf seine Leistung nieder."
  • Im September 2004 sagte der Eliteforscher Michael Hartmann über die Auswahlgespräche an den Universitäten: "Bewerber aus bürgerlichen Familien werden gegenüber Arbeiterkindern eindeutig bevorzugt."
  • Im Oktober 2004 schrieb Jochen Schweitzer, damals Vertreter der Kultusministerkonferenz in den PISA-Gremien: "Die Schüler aus den unteren Sozialschichten werden vierfach bestraft: durch ihre Herkunft, durch die ungerechte Selektion am Ende der Grundschule, durch die ungünstigen Lernbedingungen der Hauptschule und schließlich durch die geringsten Chancen auf dem Arbeitsmarkt."
  • Im März 2007 appellierte UN-Berichterstatter Vernor Munoz nach seiner Inspektionsreise durch deutsche Schulen vor dem "Rat für Menschenrechte" an die Bundesregierung, "das mehrgliedrige Schulsystem, das sehr selektiv und sicher auch diskriminierend ist, noch einmal zu überdenken."
  • Im September 2008 berichtete "Spiegel Online" über eine neue Wiesbadener Studie, in der alle 35 Grundschulen der Stadt auf ihre Gymnasialempfehlungen untersucht wurden: "Aufs Gymnasium schaffen es in erster Linie die Privilegierten, nämlich Kinder gut betuchter Akademiker. Schüler aus einer niedrigen sozialen Schicht haben weitaus schlechtere Karten beim Schulübergang. Und zwar auch bei gleicher Leistung."
  • Im gleichen Monat bekräftigte Jürgen Baumert seinen alten Befund von 2001: "Verrate mir deinen Bildungsabschluss, und ich sage dir, welche Art von Beruf du ergreifen wirst, wie viel du verdienst, wen du heiratest und wie gesund du sein wirst."