APUZ Dossier Bild

24.11.2008 | Von:
Bruno Preisendörfer

Bildung, Interesse, Bildungsinteresse - Essay

Interesse

Trotz der Konjunktur, die das Thema Bildung seit dem PISA-Schock hat, ziehen bei der Lösung der Probleme keineswegs alle an einem Strang. Bildung ist eine knappe Ressource, was in den Wohlfühldiskussionen derer, die sie haben, oft übergangen wird. Weil knappe Ressourcen nur mit großem Aufwand an Menschen, Geld und Zeit erweitert werden können, kommt es zu Konflikten darüber, wer wann wovon wie viel bekommt. Die Gerechtigkeit spielt dabei eine Heldenrolle. Es ist die des Maulhelden: Große Klappe, nichts dahinter.

Im Alltag prallen die Interessen der verschiedenen Gruppen aufeinander, in den Medien konkurrieren die Meinungen, und in der Politik sind die Entscheidungen darüber, wie die begrenzten Ressourcen verteilt werden sollen, heftig umkämpft. In diesem Konfliktfeld haben Bildungswissenschaftler in erster Linie die Aufgabe, sachlich korrekte Informationen bereit zu stellen, also - wenn man es so ausdrücken will - nach der Wahrheit zu suchen. Dabei müssen die eigenen Interessen und die der sozialen Schicht, der man angehört, zurücktreten. Die Bildungspolitiker dagegen dürfen und müssen die Interessen ihrer Wählerinnen und Wähler in den Vordergrund stellen. Die Wahrheit ist dabei nicht immer hilfreich, manchmal sogar hinderlich. Die Rolle der Bildungsjournalisten wiederum besteht darin, die Öffentlichkeit über wissenschaftliche Ergebnisse und politische Ziele zu informieren, Meinungen zu äußern und diese Meinungen dem Publikum nahe zu bringen.

Bei all dem wird nicht immer redlich verfahren. Sobald es um die Interessen der eigenen Kinder oder der eigenen Schicht geht, kommt die konventionelle Moral rasch zum Erliegen. Auf die nicht mehr zu leugnenden bitteren Befunde wird mit Gebärden der Beschwichtigung reagiert; und wer sich damit nicht zufrieden gibt, sondern auf den Interessen der Kinder aus Familien benachteiligter Sozialschichten beharrt, muss mit dem Vorwurf des Ressentiments rechnen, wie seit jeher alle, die im Haus des Henkers vom Strick sprechen. Die akademischen Mittelschichten werden seit Jahrzehnten durch die Selektionsmechanismen des deutschen Bildungssystems bevorzugt. Doch selbst wenn sie die Nachteile der anderen beklagen, wollen sie von den eigenen Vorteilen nicht lassen. Listig werden die eigenen Startvorteile gerechtfertigt, indem man hinterlistig die Bereitschaft erkennen lässt, sie auch anderen einzuräumen. Dabei wird jedoch eine Bedingung gestellt: die besondere Begabung.

Bei Kindern aus Akademikerfamilien fragt niemand nach dieser besonderen Begabung. Durchschnitt reicht völlig aus. Promoviert gezeugte Kinder gehen nicht auf die Hauptschule. Vom besonders begabten Arbeiter-, Unterschicht- oder Migrantenkind, dem Abitur und Studium ermöglicht werden müsse, ist viel die Rede in den vergangenen Jahren. Aber auch schon in den Jahrzehnten nach dem Sputnik-Schock war viel davon die Rede gewesen. Der Anteil dieser Kinder an den Hochschulabsolventen hat sich dennoch nicht maßgeblich vergrößert, trotz der sozialliberalen Bildungsoffensive der späten 1960er und frühen 1970er Jahre. Die unsichtbaren Barrieren der Bildungsferne sind so hoch, dass sie ihre Schutzfunktion zugunsten der Bildungsnahen auch dann erfüllen, wenn so getan wird, als wolle man diese Schutzfunktion gar nicht.

In Wahrheit besteht aber genau darin der Sinn der besonderen Begabung. Sie wird Kindern bildungsferner Eltern als Bedingung abverlangt, wenn sie ins höhere Bildungssystem hineinwollen, und Kindern, deren Eltern schon in diesem System sind, ohne weitere Prüfung unterstellt. Man stelle sich vor, nicht Elternwille oder Lehrerempfehlungen, sondern anonym geschriebene und erst nach der Auswertung den Schülern zugeordnete Tests würden über den Wechsel von der Grundschule zum Gymnasium entscheiden. Es könnte gut sein, dass dann die ehern ungerechte Relation zwischen Akademiker- und Nichtakademikerkindern etwas gerechter werden würde. So manchem unbegabten Akademikerkind bliebe der Übertritt zum Gymnasium versperrt, und normal begabte Kinder bildungsferner Eltern würden die freien Plätze einnehmen. Ein solcher Test ist kein ernsthafter Vorschlag. Nicht nur, weil sich die Besitzer familiär ererbter Bildungsprivilegien bis zum Äußersten dagegen wehren würden, sondern weil er im deutschen System nicht praktikabel wäre und auch sachliche Nachteile hat. Die Idee wurde nur ins Spiel gebracht, um an der Angst vor ihrer Umsetzung zu demonstrieren, dass sich auch Akademikereltern über die Begabung ihrer Kinder im tiefsten Herzen keineswegs immer sicher sind.

Überhaupt wird mit der Begabung im Dienst des Interesses viel Schindluder getrieben. Die kursierenden Vorstellungen von Begabung sind mitunter ziemlich unbegabt. Auch akademisch ausgebildete Leute reden bisweilen einen Unsinn daher, der ihnen selbst peinlich wäre, hätten sie die Bildung und auch den Mumm, den eigenen Interessendiskurs einmal mit Abstand zu betrachten. Es kommt vor, dass Menschen allen Ernstes von in den Genen liegenden Begabungen sprechen, die nicht einmal die Frage beantworten könnten, wie viel Chromosomenpaare der Mensch hat. Derlei sich selbst unverständlich bleibendes Bramarbasieren hat seit der Entzifferung des genetischen Codes noch zugenommen. Aber das Genom ist nicht das Buch des Lebens, in dem Bildungsnahe lesen könnten, warum Bildungsferne keine Bücher lesen. Die naturalistische Reduktion, die Rückführung des von Menschen zu verantwortenden sozialen Unrechts auf die unverrückbaren Grundlagen der Natur, ist seit jeher ein beliebtes und trotz seiner Primitivität erstaunlich erfolgreich gebliebenes Mittel zur Verteidigung eigener Interessen. Früher hat Gott die kleinen Leute an den Platz gestellt, auf dem auch ihre Kinder dienend bleiben sollten, statt in die Universitäten davon zu laufen. Heute sind es die Gene, mit denen die Kinder an ihren Plätzen in der Bildungshierarchie festgezurrt werden: für nicht oder schlecht deutsch sprechende Migranten- und Unterschichtenkinder die Hauptschule, für die Kinder der kleinbürgerlichen Arbeiter- und Angestelltenmilieus die Realschule, für die der normalen akademischen Mittelschicht das Gymnasium und für die der gehobenen Mittelschicht und der Oberschicht die Privatschule.

Denen, die heute gegen die vorgeschobene genetische Gegebenheit der Verhältnisse protestieren, wird der gleiche Vorwurf an den Kopf geworfen wie einst denjenigen, die sich nicht mit der göttlichen Gegebenheit abspeisen lassen wollten: der Vorwurf der Ideologie. Es ist wie mit den Ressentiments. Die haben auch immer die anderen. Was bei denjenigen, die sich im System befinden, als legitime Interessenvertretung gilt, wird bei denjenigen, die erst noch hineinwollen, als Ideologie gebrandmarkt. Beispielsweise achten Akademikereltern penibel darauf, dass ihren Kindern die gleichen Chancen geboten werden wie denen anderer Akademiker. Wenn es aber nicht um schichtinterne, sondern um schichtübergreifende Chancengleichheit geht, kommt es zum Beißreflex: Die Chancengleichheit, auf die man unter seinesgleichen höchsten Wert legt, wird als Gleichmacherei verschrien, wenn sie jene geltend machen, die nicht dazu gehören.

Eine weitere beliebte Taktik im Kampf um die Vorteile ist die Verwechslung von Interesse mit Moral. Im Unterschied zu den klassischen Oberschichten, die ihre Familienprivilegien mit so eingewachsener Selbstverständlichkeit leben, dass sie Moral dabei nicht nötig haben, wollen die mittleren akademischen Milieus das Interesse und die Moral. Die dummen Hasen aus der Bildungsferne mögen so schnell hin und her rennen, wie sie können. Der Igel des Interesses und die Igelin der Moral sind immer schon da. Das geht so weit, dass die Besserverdiener das Privileg des kostenfreien Studiums mit dem verlogenen Hinweis verteidigen, dass besonders begabte Arbeiterkinder sonst nicht mehr studieren könnten. Ein halbes Jahrhundert lang waren diesen Schichten die Arbeiterkinder völlig egal, wie deren nach wie vor dramatische Unterrepräsentanz an den Universitäten beweist. Aber sobald es darum geht, die Besitzer von Privilegien auch zu deren Finanzierung heranzuziehen, wird das Eigeninteresse zu einer Sache der allgemeinen Moral erklärt.