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24.11.2008 | Von:
Rainer Geißler
Sonja Weber-Menges

Migrantenkinder im Bildungssystem: doppelt benachteiligt

Institutionelle Diskriminierung

Auch einige Mechanismen der so genannten "institutionellen Diskriminierung" sind belegt. In einer aufschlussreichen qualitativen Studie konnten Frank-Olaf Radtke und Mechthild Gomolla zeigen, dass in die Entscheidungen von Lehrern und Schulleitern zu wichtigen Übergängen - Schulbeginn, Überweisungen auf Sonderschulen für Lernbehinderte und Schulempfehlungen am Ende der Grundschulzeit - auch leistungsfremde Kriterien zu Lasten der Migrantenkinder einfließen. So spielen zum Beispiel spezifische Organisationsinteressen wie die Unter- oder Überlast einzelner Schulen oder ihr Wunsch auf Fortbestehen an einem Standort eine Rolle. Sprachdefizite werden fälschlicherweise als allgemeine Lernbehinderung gedeutet und anderes mehr.[28]

Quantitative Studien bestätigen die Diskriminierungen in der Grundschule. Einheimische Kinder erhalten bei gleichem sozioökonomischen Status und gleicher Leseleistung jeweils 1,7-mal häufiger eine Empfehlung für die Realschule und für das Gymnasium als Migrantenkinder, während diese unter denselben Voraussetzungen um das 1,6-fache häufiger sitzenbleiben. Empirisch belegt ist auch, dass Migrantenkinder in der Grundschule bei gleichen Testleistungen etwas schlechtere Noten erhalten.[29] Für die Sekundarstufe lassen sich dagegen keine zusätzlichen Diskriminierungen nachweisen. Bei der Verteilung von 15-Jährigen auf Gymnasien, Realschulen und Gesamtschulen gibt es keine Unterschiede zwischen Einheimischen und Migrantenkindern mehr, wenn man Status und Leseleistung kontrolliert, und auch die Benotung in der 9. Jahrgangsstufe erfolgt leistungsgerecht und fair.[30]

Fußnoten

28.
Vgl. Frank-Olaf Radtke/Mechthild Gomolla, Institutionelle Diskriminierung, Opladen 2002.
29.
Vgl. W. Bos u.a. (Anm. 24), S. 11; J. A. Krohne u.a. (Anm. 6), S. 388; Cornelia Kristen, Ethnische Diskriminierung in der Grundschule?, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 58 (2006), S. 89f.; Konsortium Bildungsberichterstattung (Anm. 3), S. 165.
30.
Vgl. J. Baumert/G. Schümer (Anm. 12), S. 374; Konsortium Bildungsberichterstattung (Anm. 3), S. 165.