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24.11.2008 | Von:
Kate Maleike

"Du musst einfach an Dich glauben ..." - vom Aufstieg durch Bildung

In mehreren Fallbeispielen wird gezeigt: Trotz der viel beschworenen Bildungsmisere ist es auch Kindern aus bildungsfernen Elternhäusern möglich, die eigenen Karrierechancen durch Bildung zu verbessern.

Einleitung

Als Antonio Hurtado Anfang der 1970er Jahre aus Spanien ins Ruhrgebiet nach Duisburg kam, war er 13 Jahre alt und sprach kein Wort Deutsch. Seine Eltern waren die klassischen Gastarbeiter der ersten Generation. Der Vater arbeitete bei der Bundesbahn im Schichtbetrieb, die Mutter in einer Krankenhausküche und abends als Putzfrau. Alles drehte sich darum, die Familie wirtschaftlich über Wasser zu halten; für Bildungsangelegenheiten blieb da nicht viel Platz. Die Schulkarriere des Sohnes verlief schlecht - in der 8. Klasse blieb er sitzen, die Hauptschule verließ er ohne Abschluss. Als er schließlich bei Thyssen Krupp als Hilfsarbeiter landete, traf er den Mann, der seinen Bildungsweg maßgeblich verändern sollte. "Dieser Ausbilder, sagt Hurtado rückblickend, erkannte mein naturwissenschaftliches Talent und überredete meinen Vater, mich nochmals zur Schule gehen zu lassen. Das war der berühmte Knoten, der bei mir gelöst wurde. Wenn ich könnte, würde ich dem Ausbilder heute noch dafür danken."






Geradezu entfesselt meisterte der junge Einwanderer die 9. Klasse, machte eine Lehre zum technischen Zeichner und besuchte die Abendschule. Als erster überhaupt in seiner Familie schrieb er sich anschließend für ein Studium ein, studierte an der Gesamthochschule Duisburg-Essen Maschinenbau mit Schwerpunkt Energiewirtschaft. Aus dem Sitzenbleiber von einst entwickelte sich ein engagierter Ingenieur und Wissenschaftler mit Industrieerfahrung, der im August 2007 einen Ruf als Professor für Wasserstoff- und Kernenergietechnik an die TU Dresden erhielt. "Nein, einfach war dieser Weg nicht", bilanziert der inzwischen 49-Jährige, "ich habe auf einer Strecke von A nach B, die man sonst auf einer Geraden nehmen kann, die eine oder andere Kurve nehmen müssen. Dabei habe ich allerdings davon profitieren können, dass das Bildungssystem in Deutschland mich motiviert hat. Zum Beispiel habe ich Verständnis bei meinem Vorgesetzten gefunden, nebenberuflich auf die Abendschule zu gehen. Das alles ist nämlich kein Ergebnis, das ich allein für mich verbuchen kann. Wo immer es geht, mache ich deshalb auch Reklame für diesen Werdegang. Denn ich möchte versuchen, junge Menschen zu animieren, an sich zu glauben - auch wenn sie die Hauptschule besuchen und auch, wenn sie diese ohne Abschluss verlassen. Natürlich gehört auch der Glaube der direkten Umgebung, der Eltern und der Lehrerschaft dazu. Ich bin überzeugt davon, dass man dadurch sehr viel bewegen kann." Und seine eigenen drei Kinder? Sie werden alle unterschiedliche Wege gehen, prognostiziert der Vater und berichtet stolz davon, dass der älteste Sohn nach hartem Bewerbungsprozess an der privaten European Business School in Oestrich-Winkel angenommen wurde. Bei den beiden anderen sei das noch nicht abzusehen. "Aber, ob sie studieren oder nicht: Wichtig ist, aus den vorhandenen Möglichkeiten und Fähigkeiten das Beste zu machen."

Professor Antonio Hurtado lebt in der von Bundeskanzlerin Angela Merkel ausgerufenen "Bildungsrepublik Deutschland". Doch längst nicht alle Bildungswege führen so beständig nach oben wie der seine. Im Gegenteil, viele Studien und Forschungsberichte fördern seit Jahren Erschreckendes zu Tage. So verlassen in Deutschland fast 80 000 junge Menschen pro Jahr die Schule ohne Abschluss und landen dadurch besonders häufig in der Langzeitarbeitslosigkeit. Viele Jugendliche gelten zudem als nicht ausbildungsreif. 40 Prozent von ihnen suchen selbst zweieinhalb Jahre nach dem Verlassen der Schule noch eine Lehrstelle. Auch in der höheren Bildung knirscht es. Nur rund 36 Prozent eines Abiturjahrganges entscheiden sich für ein Studium an einer deutschen Hochschule, die Tendenz ist weiter fallend. Jeder fünfte Student bzw. jede fünfte Studentin bricht ab. Das alles sind Zahlen, welche die Bildungsmisere in Deutschland immer wieder aufs Neue, fast gebetsmühlenartig, beschreiben.

Seltener schon hört man davon, dass fast vier Millionen Deutsche nicht richtig schreiben und lesen können. Und sechs Prozent aller Menschen mit Behinderung sind ohne allgemeinen Schulabschluss. Bundespräsident Horst Köhler spricht von einer "blamablen Situation" für Deutschland und kritisiert die ungleichen Zugangschancen zu guter Bildung als beschämend. "Wir brauchen eine Gesellschaft, in der niemand ausgeschlossen wird, eine Gesellschaft mit vielen Treppen und offenen Türen", mahnt er und fordert zugleich stärkere Investitionen für den Bildungsbereich. "Wir dürfen uns nicht damit abfinden, dass die schulische Entwicklung eines Kindes immer noch maßgeblich - und in den letzten Jahren sogar mit wachsender Tendenz - von seiner Herkunft und dem Geldbeutel der Eltern bestimmt wird." Ein Appell, den vor ihm auch schon andere formuliert haben: allen voran die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die Deutschland regelmäßig ins Stammbuch schreibt, dass Kinder aus bildungsfernen Schichten hier geringere Erfolgschancen haben als diejenigen, die aus einer Akademikerfamilie stammen. Zudem biete das Bildungssystem kaum soziale Durchlässigkeit.