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24.11.2008 | Von:
Kate Maleike

"Du musst einfach an Dich glauben ..." - vom Aufstieg durch Bildung

Nicht viel Spielraum, diesen aber nutzen

Michael Ney hat ebenfalls häufig Kontakt mit Jugendlichen, die in einer problematischen Lebensphase stecken. Seit fast drei Jahren ist der Soziologe im Landkreis Rotenburg/Wümme als Fallmanager für unter 25-jährige Hartz IV-Empfänger zuständig. Mehr als 300 Fälle hat er aktuell (Stand Oktober 2008) zu betreuen, darunter Deutschrussen, Kosovaren, aber auch viele Kinder von ehemaligen DDR-Bürgern. "Die meisten haben gerade mal einen Hauptschulabschluss", erzählt der 39-Jährige, "kommen aus zerrütteten kinderreichen Familien und haben Eltern, die selbst im Leistungsbezug sind, also Hartz IV beziehen. Das Problem bei vielen meiner Jugendlichen ist die Perspektivlosigkeit. Denn die Erfahrung in der Familie ist, es wird sowieso nicht über Hartz IV hinaus gehen. Es ist schwierig, ihnen nach ihren Erlebnissen mit Schule und Elternhaus glaubhaft zu machen, dass wir sie annehmen und sie akzeptieren".

Innerhalb der vergangenen zwölf Monate haben von Neys Jugendlichen immerhin sechs einen Aufstieg durch Bildung geschafft. Realschul- und Hauptschulabschluss, Lehrstelle und sogar Studium - der Fallmanager freut sich verhalten, würde gern mehr unterstützen können. "Meine Arbeit im Hartz IV-Bereich eröffnet nicht viel Spielraum. Es geht weniger darum, den Jugendlichen eine langfristige Perspektive zu geben, sondern eher um kurzfristige Ziele. Einzelförderung ist da nur selten möglich. Arbeitskleidung und Büchergeld, ja, das kann ich schon mal geben. Ich hab' relativ wenig Anteil an den Erfolgen, die Jugendlichen schaffen das selbst. Ich freu' mich aber darüber, wenn sie den Schritt geschafft haben", relativiert der Soziologe und macht das an einem Beispiel fest. "Da ist zum Beispiel eine dabei, die hat es nie geschafft, morgens aufzustehen und irgendwo hinzugehen, wenn sie einen Termin hatte. Sie hat immer bis zwölf Uhr gelegen. Dann hat sie in einem Ein-Euro-Job mit Behinderten gearbeitet und dadurch eine Tagesstruktur bekommen, ist anschließend in einen Hauptschulkurs gegangen und hat den Abschluss gemacht. Von mir hat sie als Förderung zur Belohnung den Führerschein finanziert bekommen, um eine Anerkennung zu schaffen. Sie hat noch ihren Realschulabschluss gemacht und hat jetzt eine Lehrstelle in einem Bremer Dentallabor. Diese Intensität der persönlichen Betreuung müsste erhöht werden, individuelles Kümmern ist nötig."

Michael Ney weiß, was er hier fordert. Schließlich hat er selbst einen schwierigen Bildungsweg hinter sich, auf dem er sich manchmal mehr Hilfestellung gewünscht hätte. Er war, sagt er, kein guter Schüler, schaffte mit Ach und Krach den Realschulabschluss. Anschließend überredeten ihn die Eltern - Mutter Buchhalterin und Vater Bergmann - eine Ausbildung in einer Bank zu absolvieren. Dort wurde er allerdings nach der Lehre nicht übernommen. Wenn er damals nicht gezwungen worden wäre, sich zu überlegen, wie es weitergeht, ist er sich heute sicher, wäre er vermutlich noch immer in diesem Job tätig. Stattdessen schafft er 1996 das, was niemand vor ihm in seiner Familie geschafft hatte: Er studiert. Der 27-Jährige besteht die Aufnahmeprüfung an der Hochschule für Wirtschaft und Politik (HWP) in Hamburg und schreibt sich für Soziologie ein. Der Student ohne Abitur wird hier gefördert, erhält ein spezielles Unterstützungsprogramm. Auch jetzt ist Michael Ney wieder eingeschrieben. Zum Wintersemester 2008/2009 hat er an der Fernuniversität Hagen angefangen, einen Master in Soziologie zu machen. Individualisierung und Sozialstruktur mit dem Schwerpunkt Bildungsbenachteiligung sind seine wissenschaftlichen Themenfelder. Er schiebt schmunzelnd hinterher: "Ich würde im Anschluss gern noch promovieren, da bin ich hemmungslos." Dafür, dass ihm in er Zwischenzeit nicht langweilig wird, sorgt auch seine neue Tätigkeit als Mentor bei der Initiative "arbeiterkind.de". "Das ist genau das, was mir damals gefehlt hat. Etwas, das mir die Angst nimmt. Weil ich mich eben durchkämpfen musste durch BAföG etc."