APUZ Dossier Bild

24.11.2008 | Von:
Kate Maleike

"Du musst einfach an Dich glauben ..." - vom Aufstieg durch Bildung

Wie der Ochs vorm Berg

Der Grund, warum Katja Urbatsch die Idee zu "arbeiterkind.de" kam, war eigentlich weniger die Angst vorm Studium, sondern eher das Gefühl, etwas gegen Chancenungleichheit tun zu müssen. "Ich habe während meines Studiums verschiedene Schlüsselerlebnisse gehabt", erinnert sich die 29-jährige Gießenerin. Ihre Eltern haben keinen Hochschulabschluss, sie studiert Nordamerikastudien, Publizistik- und Kommunikationswissenschaften sowie Betriebswirtschaftslehre. "Als ich meine erste Hausarbeit geschrieben habe, da stand ich wie ein ,Ochs vorm Berg` und wusste nicht, wie ich es machen sollte. Ich hatte eine Freundin, die sagte, ja mein Vater, der hilft mir dabei und der guckt da noch einmal drüber. Das habe ich hinterher immer wieder erlebt. Auch beim DAAD-Stipendium war ich umzingelt von Studierenden, die erzählt haben, dass ihre Väter auch ein solches Stipendium hatten. Viele Eltern sind ja sogar noch bei der Magister- oder Diplomarbeit behilflich. Da habe ich gemerkt, es gibt einen Unterschied. Ich musste selber schauen, wie ich klar komme. So ist es auch schwieriger, erfolgreich zu sein."

Seit Mai 2008 ist "arbeiterkind.de" online. Katja Urbatsch und ihr Team bereiten darin wichtige Informationen für Schüler und Studierende aus Familien auf, in denen noch niemand studiert hat. "Wir möchten Schüler dazu ermutigen, zu studieren und ihnen aufzeigen, wie sie sich finanzieren können. Wir wollen sie dann auch während des Studiums begleiten, zum Beispiel bei der Studienplatzsuche, bei Klausuren, Hausarbeiten, Auslandsaufenthalten, Stipendienbewerbung, Examen und Berufseinstieg. Wir möchten kompensieren, was diejenigen von zu Hause oft nicht bekommen können. Ein Großteil unserer Arbeit besteht eigentlich auch darin, zu ermutigen und neue Perspektiven aufzuzeigen. Denn Kinder aus bildungsfernen Schichten bekommen das - im Gegensatz zu Akademikerkindern - häufig nicht vom Elternhaus." Auch auf der Internetseite der Initiative wird auf diese mißliche Lage hingewiesen: "In Deutschland lässt sich die Wahrscheinlichkeit, ob ein Kind studieren wird, am Bildungsstand der Eltern ablesen. Laut der aktuellen Sozialstudie des Deutschen Studentenwerkes nehmen von 100 Akademikerkindern 83 ein Hochschulstudium auf. Dagegen studieren von 100 Kindern nicht-akademischer Herkunft lediglich 23, obwohl doppelt so viele die Hochschule erreichen. Die hohe finanzielle Belastung ist dabei nur einer von vielen Gründen, die Abiturienten, deren Eltern nicht studiert haben, häufig von einem Studium abhalten. Wer selbst aus einer nicht akademischen Familie stammt und trotzdem studiert hat, weiß, das die eigentliche Benachteiligung in einem großen Informationsdefizit besteht."

Katja Urbatschs Initiative hat inzwischen ernormen Erfolg und sogar erste Auszeichnungen erhalten. Aus dem reinen Internetportal ist ein Netzwerk mit mehr als 500 Mentoren gewachsen. Diese engagieren sich als Ansprechpartner vor Ort, unterstützen beim "Abenteuer Studium". Häufig waren auch sie die ersten in der Familie, die studiert haben. Die Bandbreite reicht von noch derzeit Studierenden bis zu Professoren, wissenschaftlichen Mitarbeitern, Berufstätigen, die in Unternehmen tätig sind, die sich wiedererkannt haben und um die Probleme wissen." Das können zum Beispiel Anerkennungsprobleme sein, gegen die die Initiatorin von "arbeiterkind.de" selbst noch zu kämpfen hat. Ihre Eltern sind stolz auf sie und ihren Bruder, der ebenfalls Akademiker ist. Aber im größeren Familienkreis muss sie sich noch heute rechtfertigen, obwohl sie mit einem Stipendium derzeit in Gießen an einer exzellenten Graduiertenschule promoviert. Dann hört sie Bemerkungen wie diese: "Na, Du studierst ja immer noch, wo soll das denn hinführen? Verdien' lieber mal langsam Geld". In dieser Schicht, bemängelt Urbatsch, werde häufig nicht verstanden, was ein Studium bringe. Wenn man zu Hause nicht sagen könne, ich werde Arzt oder Jurist, dann führe das zu einer großen Unsicherheit und zu großem Unverständnis.