APUZ Dossier Bild

24.11.2008 | Von:
Kate Maleike

"Du musst einfach an Dich glauben ..." - vom Aufstieg durch Bildung

Deutschland muss in Bildung investieren

Für den Eliteforscher Michael Hartmann, Soziologie-Professor an der TU Darmstadt, sind Bildungswege wie die von Antonio Hurtado, Michael Ney und Katja Urbatsch in Deutschland die Ausnahme. Sie seien das Ergebnis von viel Fleiß, Arbeit und Engagement einzelner Personen. Wolle man dies aber in größerem Umfang gewährleisten, würde das nur gehen, wenn sich das Bildungssystem insgesamt ändere. "Solange dies nicht der Fall ist, wird sich auch nichts an den Relationen ändern." Viel Hoffnung auf baldige Veränderung macht Hartmann allerdings nicht. "Bildungspolitik steht immer unter dem Diktat der Finanzminister. Solange man diese Politik betreibt, die sich darin ausdrückt, dass Deutschland das einzige große Industrieland ist, in dem Bildungskosten in den letzten Jahren bezogen aufs Bruttoinlandsprodukt rückläufig waren, solange wird sich real auch nichts verbessern. Die Länder, die bessere Bildungssysteme haben, investieren schlicht und einfach mehr."

Dass Bund und Länder tatsächlich zehn Prozent des Bruttoinlandsproduktes bis zum Jahr 2015 in Bildung und Forschung stecken wollen - so wie sie es beim "Bildungsgipfel" im Oktober 2008 in Dresden angekündigt haben - glaubt Hartmann noch nicht und verweist auf viele verpuffte Versprechungen und die angespannte Lage durch die Finanzkrise. "Wenn man überhaupt soziale Ungerechtigkeit ein Stück weit beheben will, das heißt Kindern, die von ihrer Herkunft her deutlich schlechtere Chancen haben, wenigstens einen Teil dieser Chancen zurückgeben will in Form von schulischer Bildung, dann müsste man möglichst früh und umfassend ansetzen." Lehrern sollten dringend Sozialarbeiter zur Seite gestellt werden, fordert Hartmann deshalb - ebenso wie Günter Vonderau von der Werkstattschule Dillingen. Migrantenkinder mit Deutschproblemen müssten nach skandinavischem Vorbild eine zusätzliche Sprachbetreuung erhalten. "Doch all das kostet so viel Geld, dass man damit rechnen muss, die Ausgaben für Bildung um mindestens ein Drittel zu steigern, um annähernd skandinavische Verhältnisse zu erreichen. Im Grunde müssten die Ausgaben um 40, 50 Prozent erhöht werden. Das sind natürlich irreale Vorstellungen, wenn man sich die reale politische Situation ansieht. Aber es muss zumindest ein spürbares Plus geben."

Und wenn sich im öffentlichen System nichts ändert? Dann, prognostiziert der Eliteforscher, wird in Teilen der oberen Mittelschicht, gerade auch bei Akademikern der ersten Generation, der Wunsch weiter zunehmen, den eigenen Kindern eine gute Bildung zu sichern. Es wird generell den Trend geben, sich über Privatschulen oder über konfessionelle Gymnasien bessere Bildungschancen auf Kosten der anderen zu sichern." Dunkle Wolken also über der "Bildungsrepublik Deutschland"? Für die "arbeiterkind.de"-Initiatorin Katja Urbatsch ein Grund mehr, sich für Veränderungen einzusetzen. "Mein größter Wunsch wäre, dass Kinder wirklich von Anfang an - egal welchen Hintergrund sie haben - gefördert werden und dass alle gemeinsam zupacken, auch über politische Grenzen hinweg. Denn Potenziale müssen gefördert werden!"