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24.11.2008 | Von:
Klaus Mackscheidt
Norbert Heinen

Jugendarbeitslosigkeit und die Not und Leidenschaft des Lernens

Die Not des Lernens

Es muss differenziert werden: Es gibt das Lernen in der Familie, im Freundeskreis, in allerlei Gruppen, im Sport, in der Kulturpflege, in der Politik - überall wird gelernt. Es wird jedoch eher vom "Kennenlernen" gesprochen, wenn man sich in neue Kreise begibt und neue Leute und neue Verhaltensweisen kennenlernt. Pädagogen bezeichnen alle diese Prozesse als selbstgesteuertes Lernen. Das Lernen am Markt ist demgegenüber nüchterner und ein eher instrumenteller Prozess. Der Markt scheint tatsächlich permanent dazu aufzufordern, sich ständig zu verbessern. Da Aufgaben von außen gestellt werden, ist hier von fremdgesteuertem Lernen die Rede. Der Unterschied liegt vor allem darin, dass sich im nichtmarktlichen Bereich auch diejenigen entfalten können, die nicht besonders lernfähig und lernbegabt sind.[2] Ganz anders am Markt: Wer dort nicht gut lernt - also das fremdgesteuerte Lernen nicht beherrscht -, wird auch nicht gut behandelt; es gibt auch niemanden, der den schlecht Lernenden auf dem Weg des Erfolges und der üppigen Ressourcenzuteilung mitnimmt. Wer schlecht lernt, bleibt am Markt auf der Strecke. Besonders benachteiligt ist, wer das Etikett "ungelernter Arbeiter" trägt; wer davon betroffen ist, steht häufig als Arbeitsloser außerhalb des Marktes und ist auch langfristig auf staatliche Unterstützung angewiesen. Der Markt ist von einer deprimierenden Härte; er verlangt von uns ein intensives und beherrschtes Lernen, oder er nimmt uns erst gar nicht an.

Zum Glück ist das selbstgesteuerte Lernen ein menschliches Grundbedürfnis: Lernen ist etwas Natürliches und Schönes. Angeboren ist jedoch nur der Antrieb zum Lernen, nicht die Fähigkeit zur langsamen und zähen Aneignung von Wissen im Prozess des fremdgesteuerten Lernens. Auf der ersten Stufe des Lernens fliegt einem noch vieles von selbst zu. Die nächsten Stufen, auf denen Disziplin und Vertiefung gefragt sind, sind weniger beliebt - weswegen viele in dieser Phase ihre Lernbemühungen aufgeben: Wenn das Spielerische aufhört und das fremdgesteuerte Lernen beginnt, geben viele auf.

(1) Für alle nichtmarktlichen Begegnungen genügt die Stufe des selbstgesteuerten Lernens - das können alle erleben, in der Familie, unter Freunden, im Verein - oder auch alleine im spielerischen Umgang mit dem Computer.

(2) Für die Teilnahme am Markt ist diese spielerische Neugier des Lernens nicht mehr ausreichend - obwohl sie auch erforderlich ist und selbstverständlich vorausgesetzt werden darf.

Nur wer auch das fremdgesteuerte Lernen beherrscht, ist am Markt erfolgreich. Diese Fähigkeit muss durch systematische und gewissenhafte Arbeit erworben werden. Es hilft dem in die Welt des Marktes vordringenden Menschen nicht, wenn man ihm sagt: "Lernen ist ein menschliches Grundbedürfnis - Du wirst schon von selbst und ganz aus Dir heraus den Weg zur Teilhabe am Marktgeschehen finden." Was er vielmehr kennenlernen wird, ist vor allem die Not des Lernens. Er bedarf der Hilfe von außen, Hilfe durch Erziehung und Training.

Wie groß die Hemmschwelle zum fremdgesteuerten Lernen sein kann, belegt ein Interview mit dem Wirtschaftsprüfer Philipp Grossmann, welches in der "Zeit" vom 6. März 2008 erschien: "Sie beraten als Manager im Rahmen des Projekts "Partners in Leadership" ehrenamtlich Schulen. Was genau machen Sie da? Alle zwei bis vier Wochen habe ich mich mit der Direktorin der Herbert Hoover Realschule in Berlin-Wedding getroffen. Dort haben 93 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund. Gewalt ist genauso ein Problem wie mangelnde Lernbereitschaft. Wir haben gemeinsam überlegt, wie man die Situation verbessern könnte. Um mir ein besseres Urteil bilden zu können, habe ich mich zu Beginn der Zusammenarbeit in den Ethikunterricht gesetzt und die Schüler beobachtet. Das war erschreckend. Warum? Der Unterricht hat die Kinder überhaupt nicht interessiert. Ein Grund dafür ist, dass die meisten glauben, sie haben ohnehin keine berufliche Perspektive und werden Hartz-IV-Empfänger. Einen Vorwurf kann man ihnen aber nicht machen: Fast alle kommen aus Familien, in denen noch nie jemand einen richtigen Beruf hatte. Und in den letzten Jahren hat kein einziger Absolvent dieser Schule eine Lehrstelle gefunden. Ihr Lösungsvorschlag? Zusammen mit 20 Kollegen wollte ich im vergangenen Sommer die 20 Besten der Abschlussklasse an die Hand nehmen und coachen. Leider waren zehn der ausgewählten Schüler lieber in den Urlaub gefahren; neun andere sind nicht zum verabredeten Termin erschienen. Ein Mädchen konnte ich als Zahnarzthelferin vermitteln. Trotzdem ist die Bilanz katastrophal."

Bei der Mehrzahl dieser Schülerinnen und Schüler konnte offensichtlich die Idee, dass systematisches Lernen nützlich für sie sein könnte, erst gar nicht "eingepflanzt" werden. Kein Wunder, dass sich niemand für die Vorstellung erwärmen konnte, dass Lernen für den Beruf nützlich sein könnte. Die jungen Leute aus der Realschule Berlin-Wedding können in Freundschaftszirkeln, in Gangs und Vereinen und natürlich auch bei politischen Demonstrationen lautstark und vernehmlich auftreten - sie glauben mitunter sogar, dass sie persönlich sehr gut seien und daher auch einen entsprechenden Platz in der Gesellschaft verdienten. In einer Gesellschaftsordnung, in der das Einkommen durch die Teilhabe am Marktgeschehen bestimmt wird, werden sie keine Chance haben.

Fußnoten

2.
Gewiss, es gibt auch im nichtmarktlichen Leben Kreise, in die man ohne besondere Fähigkeiten, die nur mit Ausdauer und Fleiß zu erwerben sind, nicht aufgenommen wird (z.B. Musikgruppen). Doch gibt es - im Gegensatz zum Leben am Markt - zahlreiche Ersatzmöglichkeiten zur sozialen Einbindung.