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24.11.2008 | Von:
Klaus Mackscheidt
Norbert Heinen

Jugendarbeitslosigkeit und die Not und Leidenschaft des Lernens

Die Entstehung der Jugendarbeitslosigkeit

Nun sind ungelernte jugendliche Arbeitslose eine Minderheit in unserem Staat - eine Minderheit, die nicht von selbst kleiner wird. Im Gegenteil, sie bleibt mindestens eine Generation lang erhalten, und wenn es ein Phänomen der Schule ist, nicht verhindern zu können, dass viele Menschen im Jugendalter das fremdgesteuerte Lernen nicht erlernen, dann wird ihre Zahl ständig größer. Dieser Zustand darf daher nicht tatenlos hingenommen werden.

Zurück zum Ausgangspunkt: Fast alle Jugendlichen lernen, sich spielerisch in die Welt hineinzubewegen, aber manche von ihnen lernen in der Schule nicht das fremdgesteuerte Lernen, wie es zum Gelingen des Schulunterrichts nun einmal dazugehört. Diejenigen, die das nicht können, werden später auch nicht in der Lage sein, für einen Beruf zu lernen: So entsteht eine wachsende Anzahl von ungelernten Arbeitslosen. Wer hier weiterkommen will, kann eigentlich nur zwei Wege einschlagen. Der eine besteht darin, die Schulausbildung so zu ändern, dass sie den Zwecken eines zukünftigen Berufslebens besser dient als bisher. Der andere beruht auf der Annahme, dass für eine Besetzung eines Arbeitsplatzes eine vorherige geglückte Schulausbildung nicht so wichtig ist, wie das gemeinhin angenommen wird.

Schauen wir uns zunächst den zweiten Weg an. Unternehmer, die bereit wären, ihn zu gehen, müssten auch Jugendliche ohne geglückten Schulabschluss einstellen. In unserem Sinn sind das Schülerinnen und Schüler, die das neugierige Lernen der ersten Stufe, aber nicht das systematische Lernen der zweiten Stufe gelernt haben. Also müssten die Unternehmer diese Schüler anders behandeln als Jugendliche mit ordentlichem Schulabschluss. Sie brauchen eine andere Betreuung und eine zusätzliche Förderung im Betrieb. Gewiss gibt es schon jetzt Unternehmer, die das praktizieren; da es aber offenbar nicht genügend von ihrer Sorte gibt - und das scheint angesichts der wachsenden Zahl arbeitsloser ungelernter Jugendlicher der Fall zu sein -, dann muss die Gesellschaft etwas unternehmen: Die Förderung von Jugendlichen ohne Schulabschluss könnte zu einem neuen arbeitsmarktpolitischen Instrument werden.

Zwischen Schulabschluss und Berufsbeginn befinden sich viele Jugendliche in einer Ausbildung, die durch öffentliche Finanzmittel gefördert wird. Unter der Bezeichnung Berufskolleg hat sich ein breites Spektrum von Fördermaßnahmen durchgesetzt, das im ganzen Bundesgebiet - wenn auch mit länderspezifischen Unterschieden - mittlerweile etabliert ist. Fast überall geht es darum, Jugendlichen, deren Schulpflicht beendet ist und die zur Zeit keinen Ausbildungsplatz in einem Unternehmen haben, neue oder abermalige Chancen des Lernens zu bieten. In Nordrhein-Westfallen sind beispielsweise Ende der 1990er Jahre diese Berufskollegs aus den berufsbildenden Schulen und den Kollegschulen hervorgegangen. Das Prinzip der Ausbildung in den Berufskollegs ist die Gleichwertigkeit von allgemeiner und beruflicher Bildung. Eine für die zukünftige Qualifikation im Beruf spezifische Form ist die Einrichtung von "Berufsvorbereitenden Klassen"[3] mit dem Ziel, den Jugendlichen zu ermöglichen, den Hauptschulabschluss nachzuholen. Die Klassen sind nach Berufsfeldern ausgerichtet. Am Ende der Ausbildung soll eine Vermittlung auf einen qualifizierten Arbeitsplatz in einem Unternehmen stehen, was zuvor wegen mangelnder Qualifikation des jugendlichen Bewerbers misslungen oder erst gar nicht zustande gekommen wäre.

Schulen, die auf diesem Weg erfolgreich sind, tragen wesentlich zur Erhöhung der Bildungsgerechtigkeit bei. Viele arbeitslose Jugendliche werden dabei auch von gemeinnützigen privaten Trägern betreut, die dafür öffentliche Fördermittel erhalten (ca. 800 bis 1000 Euro pro Person und Monat). In vielen Fällen arbeiten wiederum die Lehrer aus den berufsvorbereitenden Klassen mit diesen Institutionen mit dem Ziel zusammen, die qualifizierende Lernphase für den zukünftigen Berufseinstieg zu optimieren. Auch wenn in dieser gesamten Lernphase die Unternehmen noch gar nicht eingeschaltet sind, so wird doch, wie bei der späteren Berufsausbildung in Unternehmen, ein duales Ausbildungs- und Förderungssystem aufgebaut. Das Ganze ist also eine geglückte Verzahnung mit der späteren dualen Berufsausbildung, deren grundsätzliche Ausrichtung ja immer noch als mustergültig anerkannt wird.

Was dagegen den ersten Weg angeht, so ließe sich die Schulausbildung aufspalten und neben dem normalen Unterricht eine Förderstufe mit reduziertem Fachprogramm einrichten. Es liegt jedoch auf der Hand, dass dieser Weg für die Gesellschaft sehr teuer wäre, weil er eine zusätzliche Anzahl vieler besonders qualifizierter Lehrer erfordern würde. Aber es lohnt sich darüber nachzudenken, ob hier nicht auch andere Wege helfen könnten, etwa private Patenschaften durch Senioren. Während bisher nur von der Not und den Beschwerden des Lernens die Rede war, gilt es nun, von den Vorteilen - ja, sogar von der Leidenschaft des Lernens zu sprechen. Und genau darin liegt das große und bisher nicht ausgeschöpfte Potential für das Anliegen, die Jugendarbeitslosigkeit zu verringern.

Fußnoten

3.
Genauer: "Klassen mit Schülerinnen und Schülern ohne Ausbildungsverhältnis".