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24.11.2008 | Von:
Klaus Mackscheidt
Norbert Heinen

Jugendarbeitslosigkeit und die Not und Leidenschaft des Lernens

Die Leidenschaft des Lernens

Ein starker Verbündeter des oder der jungen Lernenden ist der Wissensdurst. Schon in der Phase des selbstgesteuerten Lernens ist die Neugier die treibende Kraft. Später, beim fremdgesteuerten Lernen - wenn wir uns zum Beispiel eine Fremdsprache aneignen - kennen wir eine weitere starke Antriebskraft: die wachsende Befriedigung, die sich einstellt, wenn die Kenntnis der und die Gewandtheit im Umgang mit der neuen Sprache zunehmen. Doch obwohl wir wissen, dass wir für das Lernen belohnt werden, müssen wir uns immer wieder überwinden, heranzugehen. Selbst bei einfachen Gesellschaftsspielen ist es notwendig, erst die Regeln zu lernen und einige Routine zu gewinnen, bevor man Spaß mit ihnen haben kann. Wer sich sicher auf dem Terrain eines Spieles bewegen kann, der wird das Spiel mehr und mehr genießen; oder wer eine fremde Sprache so gut beherrscht, dass er schließlich geschickt mitdiskutieren kann, der erwirbt eine hohe Freude daran, sich in dieser Sprache mit anderen auszutauschen. Wer schließlich Meisterschaft in einem Spiel erlangt, der verfällt dem Spiel nicht selten mit Leidenschaft; fast alle großen Meister sind von einer tiefen Leidenschaft besessen. Erst Genuss und später sogar Leidenschaft sind also die Triebkräfte des Lernens - und zwar gerade dieses späteren, systematischen Lernens.

Jede pädagogisch-erzieherische Arbeit macht sich diese Erfahrung zunutze, indem sie den Unterricht so auf die Lernfächer aufteilt, dass in einigen Fächern schon die Phase des genussvollen Kennenlernens beginnt, während in anderen Fächern noch die Phase des mühevollen und lästigen Aufstiegs anhält. Eine ausgewogene Verteilung von Sich-Mühen und Genießen, von Last und Lust bringt erst den richtigen Schulerfolg. Ganzheitlich gesehen sollte auch in der Phase des systematischen Lernens im Schulunterricht das Erlebnis des Genießens überwiegen. Kein Schüler sollte auf der Anfangsstufe des systematischen Lernens verharren, einer Stufe also, wo Last und Verdruss beim Lernen noch überwiegen. Wer auf der Schulbank fast nur diese Erfahrung gemacht hat, droht am Ende nichts weiter erworben zu haben als eine tiefe Abneigung gegen die Schule.

Wie aber kann ungelernten jugendlichen Arbeitslosen in unserer Gesellschaft nun geholfen werden? Zunächst ist festzustellen, dass Jugendliche, die ihre Schule ohne erfolgreichen Schulabschluss verlassen haben, im Schulunterricht und bei ihrem individuellen Lernen gescheitert sind. Aber es ist nicht nur zu beklagen, dass kein positives Zeugnis für sie von ihrer Schule ausgeteilt werden konnte, was sowohl für ihr persönliches Selbstwertgefühl als auch für ihre Chancen in Bewerbungsverfahren von erheblicher Relevanz ist. Vielleicht ebenso groß ist ein weiterer Schaden: Diese jungen Menschen haben fremdgesteuertes Lernen hauptsächlich als etwas Leidvolles, Belastendes und Beschwerendes erfahren. Dass es Genuss oder sogar Leidenschaft dabei geben kann, ist ihnen vollkommen fremd geblieben. Wie sollen sie ohne zusätzliche Hilfe mit den systematischen Lernanforderungen des beruflichen Lebens zurechtkommen? Wie sollen die künftigen Arbeitgeber zuversichtlich reagieren, wenn sie Einstellungsgespräche mit diesen jungen Menschen führen? Wie sich im zitierten Interview mit Philipp Grossmann gezeigt hat, kommt es vielfach gar nicht mehr dazu, geschweige denn zu einem Arbeitsvertrag. Wir haben das volle Elend der Jugendarbeitslosigkeit vor Augen, und wir müssen erkennen, dass dies nicht nur ein gesellschaftlicher Mangel ist, weil der Staat Transferleistungen in Form von Arbeitslosengeld II zahlen muss, sondern dass es auch ein bitteres persönliches Elend für die Jugendlichen selbst ist. Zum einen sind sie um die Erfahrung der Freude des Lernens betrogen - ein Betrug, der nicht nur für die kurze Phase des jugendlich-schulischen Lernens gilt, sondern auch die lange Phase des beruflichen Lebens betreffen kann. Zum anderen wird es ihnen verweigert oder erschwert, einen Platz in der Berufswelt und damit Anerkennung in der Gesellschaft zu finden.