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24.11.2008 | Von:
Rainer Bölling

Das Tor zur Universität - Abitur im Wandel

Das preußische Gymnasialabitur im 19. Jahrhundert

Die hohen Anforderungen des Abiturs führen traditionell und bis heute zu Klagen über die "Überbürdung" der Gymnasiasten. Schon im Jahre 1836 monierte der Medizinalrat Dr. Karl Lorinser in einer Fachzeitschrift, die Gesundheit und Lebenstüchtigkeit der Gymnasiasten nehme durch die Vielzahl der Unterrichtsgegenstände sowie die umfangreichen Hausaufgaben massiv Schaden. Seine Kritik, die sich in erster Linie gegen die neuhumanistische Bildungskonzeption richtete, entfaltete eine nachhaltige öffentliche Wirkung.[5] Das Kultusministerium reagierte 1837 mit der Mahnung an die Lehrer, "die einzelnen Anforderungen an die Abiturienten so zu ermäßigen, dass jeder Schüler von hinreichenden Anlagen und von gehörigem Fleiße der letzten Prüfung mit Ruhe und ohne ängstliche Vorbereitungsarbeit entgegensehen könnte".[6] Spürbare Erleichterungen brachte aber erst die Revision der Prüfungsordnung von 1856, mit der die mündlichen Prüfungen in Deutsch, philosophischer Propädeutik, Französisch, Naturbeschreibung und Physik entfielen.[7] Bis zum Ende der preußischen Monarchie blieb es bei Lateinisch, Griechisch und gegebenenfalls Französisch, Mathematik, Geschichte und Religion als mündlichen Prüfungsfächern. Zudem konnte nun ein als reif befundener Abiturient von der gesamten mündlichen Prüfung befreit werden, wie andererseits ein Kandidat, dessen schriftliche Arbeiten mehrheitlich nicht ausreichten, von der weiteren Prüfung auszuschließen war.[8]

In der preußischen Reformzeit hatte das neuhumanistische Bildungsideal Wilhelm von Humboldts die alten Sprachen in das Zentrum des Gymnasiums gerückt. Durch die Orientierung an der zu einem monumentalen Vorbild stilisierten griechischen Kultur sollte es allgemeine Menschenbildung und Nationalerziehung vermitteln. Vom Stundenvolumen her blieb das Griechische allerdings hinter dem Lateinischen zurück, das in Europa bis ins 19. Jahrhundert hinein als Wissenschafts- wie auch Verkehrssprache praktische Bedeutung hatte. Dem Nachweis lateinischer Sprachkompetenz dienten nicht nur die beiden schriftlichen Arbeiten, sondern auch die bis 1892 geltende Vorgabe, in der mündlichen Prüfung den Schülern "Gelegenheit zu geben, eine gewisse Geübtheit im mündlichen Gebrauche der lateinischen Sprache zu zeigen".[9] Drei Jahre nach der Abiturordnung von 1834 wurde die Dominanz des Lateinischen noch verstärkt. Von 280 Wochenstunden in neun Schuljahren bekam es nicht weniger als 86 zugesprochen, das Griechische nur noch 42.[10] Der neue Lehrplan von 1837 bedeutete "den staatlich verfügten Abfall von der neuhumanistischen Bildungskonzeption",[11] indem der Schwerpunkt der Bildung von den Inhalten oder Werten der Antike ganz auf formale Ziele gelegt wurde.

Diese Ausrichtung war schon im Vormärz umstritten, wobei besonders der lateinische Aufsatz in der Kritik stand. Die Prüfungsordnung von 1834 forderte "die freie lateinische Bearbeitung eines dem Examinanden durch den Unterricht hinreichend bekannten Gegenstandes, wobei, außer dem allgemeinen Geschick in der Behandlung, vorzüglich die erworbene stilistische Korrektheit und Fertigkeit im Gebrauche der lateinischen Sprache in Betracht kommen" sollte.[12] In der Praxis wurden weithin die lateinischen Schriftsteller nicht so sehr wegen des Inhalts gelesen, sondern dienten als Fundgrube für stilistisch vorbildliche Wendungen, die dann ihrer Verwertung im Aufsatz harrten. Daher prangerte der Gymnasiallehrer Hermann Köchly es schon 1847 als verbreiteten Irrtum an, "die altklassische Bildung mit Lateinreden und Lateinschreiben zu verwechseln".[13] Doch die Mehrheit der Philologen beharrte darauf, dass der lateinische Aufsatz als Prüfungsleistung bestehen bleiben sollte.

Sein Ende brachte nach jahrzehntelangen Diskussionen erst ein Machtwort des Monarchen. Auf der Schulkonferenz im Dezember 1890 hielt Wilhelm II. in einer Rede den anwesenden Schulfachleuten vor: "Wer selber auf dem Gymnasium gewesen ist und hinter die Kulissen gesehen hat, der weiß, wo es da fehlt. Und da fehlt es vor Allem an der nationalen Basis. Wir müssen als Grundlage für das Gymnasium das Deutsche nehmen; wir sollen junge nationale Deutsche erziehen und nicht junge Griechen und Römer." Sein Fazit lautete: "Weg mit dem lateinischen Aufsatz, er stört uns, und wir verlieren unsere Zeit für das Deutsche darüber." Gehorsam strich das Kultusministerium den Aufsatz mit sofortiger Wirkung.[14] An seine Stelle trat eine Übersetzung aus dem Französischen ins Deutsche (Abiturordnung 1892), die aber schon 1901 wieder wegfiel. Seitdem waren im preußischen Gymnasialabitur nur noch vier schriftliche Prüfungsleistungen zu erbringen: ein deutscher Aufsatz, eine mathematische Arbeit, eine Übersetzung ins Lateinische und eine Übersetzung aus dem Griechischen.

Fußnoten

5.
Vgl. K.-E. Jeismann (Anm. 1), Bd. 2, S. 232ff.
6.
Zit. in: Ludwig Wiese (Hrsg.), Das höhere Schulwesen in Preußen, Berlin 1864, S. 492.
7.
Vgl. ebd., S. 492 - 504.
8.
Vgl. die Prüfungsordnungen von 1882, 1892 und 1901, in: Zentralblatt für die gesamte Unterrichtsverwaltung in Preußen 1882, S. 366 - 414; 1892, S. 281 - 339; 1901, S. 933 - 950.
9.
So die Prüfungsordnung von 1882 (Zentralblatt 1882, S. 375).
10.
Vgl. die Stundentafeln bei Berthold Michael/Heinz-Hermann Schepp (Hrsg.), Die Schule in Staat und Gesellschaft, Göttingen 1993, S. 207. In den 280 Wochenstunden ist kein Sportunterricht enthalten.
11.
So Manfred Landfester, Humanismus und Gesellschaft im 19. Jahrhundert, Darmstadt 1988, S. 71.
12.
Zit. in: Johann Ferdinand Neigebaur, Die preußischen Gymnasien und höheren Bürgerschulen, Berlin 1835, S. 214.
13.
Zit. in: Friedrich Paulsen, Geschichte des gelehrten Unterrichts auf den deutschen Schulen und Universitäten vom Ausgang des Mittelalters bis zur Gegenwart mit besonderer Rücksicht auf den klassischen Unterricht, Bd. 2, Leipzig-Berlin 1921(3), S. 475.
14.
Verhandlungen über Fragen des höheren Unterrichts. Berlin, 4. bis 17. Dezember 1890, Berlin 1891, S. 72f.; Erlass vom 27. 12. 1890, in: Zentralblatt (Anm.8) 1891, S.242.