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24.11.2008 | Von:
Rainer Bölling

Das Tor zur Universität - Abitur im Wandel

Abitur nach Schultypen (1900 - 1972)

Die Jahrhundertwende brachte zugleich den Abschluss heftiger Debatten um die Struktur des höheren Schulwesens. Schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren in vielen Städten höhere Schulen entstanden, die sich nicht am humanistischen Bildungsideal orientierten, sondern an "realen" Bildungsgütern wie neueren Fremdsprachen und Naturwissenschaften. Diese Schulen wurden erstmals 1859 unter der Bezeichnung "Realschulen" staatlich normiert, konnten aber zunächst keine Hochschulreife verleihen. Das letzte Drittel des Jahrhunderts stand dann ganz im Zeichen der Debatte um die Berechtigungen des neusprachlichen Realgymnasiums, an dem auch Latein gelehrt wurde, und der Oberrealschule mit mathematisch-naturwissenschaftlichem Schwerpunkt. Nach einer weiteren Schulkonferenz im Juni 1900 verlieh ihnen Wilhelm II. schließlich die ersehnte Gleichberechtigung mit dem Gymnasium.[15] Die Abiturienten der neuen Schulformen mussten allerdings nach der Ordnung von 1901 eine schriftliche Prüfung mehr ablegen als die Gymnasiasten. Diese gewachsene Dreigliederung prägte die Struktur des höheren Schulwesens in Preußen und anderen deutschen Staaten bis zur Oberstufenreform der 1970er Jahre. In der Weimarer Republik trat noch die Deutsche Oberschule hinzu, doch sollte sie längerfristig keine Rolle spielen.

Die Anforderungen der neuen Abiturprüfungsordnung von 1926 unterschieden sich nach Schultypen.[16] Neben dem deutschen Aufsatz, bei dem die Prüflinge erstmals zwischen vier Aufgaben wählen konnten, und der mathematischen Arbeit gab es jetzt für alle Schultypen zwei weitere schriftliche Prüfungen. Am altsprachlichen Gymnasium wurden nur noch Übersetzungen ins Deutsche gefordert, womit das Lateinschreiben als Abituranforderung in Preußen sein Ende fand. Als neues Element kam eine für alle Schüler verbindliche Prüfung in den Leibesübungen hinzu. Eine Befreiung von der mündlichen Prüfung war nicht mehr möglich. Vielmehr konnte sich diese auf alle Unterrichtsfächer erstrecken, wobei der Schüler ein Fach wählen und der Prüfungsausschuss weitere Fächer kurzfristig bestimmen durfte.

Die Prüfungsordnung von 1926 überdauerte nicht nur die Weimarer Republik, sondern auch das "Dritte Reich". Zwar wurde 1937/38 in ganz Deutschland die höhere Schule auf acht Jahre verkürzt, die Schultypenvielfalt auf eine Oberschule für Jungen bzw. Mädchen und das altsprachliche Gymnasium als Sonderform reduziert und Englisch als erste (und einzige neuere) Fremdsprache festgelegt, aber eine neue Abiturordnung brachte die nationalsozialistische Schulpolitik nicht hervor.[17] Abiturprüfungen fanden ohnehin immer weniger statt: Schon 1937 entfielen für die beiden Jahrgänge, die wegen der Verkürzung der Schulzeit gleichzeitig Abitur machten, sämtliche schriftliche Prüfungen. Nach Kriegsbeginn erhielten dann alle Schülerinnen und Schüler der Abschlussklassen, die während des Schuljahres zum Heeresdienst einberufen wurden oder Kriegshilfsdienste leisteten, ohne jegliche Prüfung den Reifevermerk. Auch für die übrigen fanden Prüfungen allenfalls in vereinfachter Form statt, bis im Herbst 1944 der Unterricht in den Abschlussklassen völlig zum Erliegen kam.[18]

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Schulpolitik wieder föderal geregelt. Im größten Bundesland Nordrhein-Westfalen wurden mit der Schulreform zunächst sämtliche nationalsozialistischen Maßnahmen im höheren Schulwesen revidiert. Nach den Erfahrungen der NS-Diktatur versuchte man den Humanismus wiederzubeleben.[19] Die preußische Prüfungsordnung von 1926 konnte so mit geringfügigen Änderungen (z.B. die Einführung der sechsstufigen Notenskala, Düsseldorfer Abkommen 1955) fortbestehen.[20] 1960 wurde die Zahl der möglichen Fächer für die mündliche Prüfung auf sechs begrenzt, unter denen die vier schriftlichen sowie ein vom Schüler gewähltes Fach waren. 1963 rückte zudem Gemeinschaftskunde in den Kreis dieser Fächer auf. Diese Neuerungen wurden auch in die Prüfungsordnung von 1965 übernommen, die vor allem formale Präzisierungen brachte.[21] Neu war hier die bis heute gültige Bestimmung, dass die Abiturprüfung nur einmal wiederholt werden darf.

Fußnoten

15.
Vgl. Fritz Blättner, Das Gymnasium, Heidelberg 1960, S. 133 - 135 u. 223 - 229; Peter Lundgreen, Sozialgeschichte der deutschen Schule im Überblick, Bd. 1, Göttingen 1980, S. 64 - 87.
16.
Vgl. Zentralblatt (Anm. 8) 1926, S. 283 - 294.
17.
Vgl. Erziehung und Unterricht in der Höheren Schule, Berlin 1938; Harald Scholtz, Erziehung und Unterricht unterm Hakenkreuz, Göttingen 1985.
18.
Vgl. Deutsche Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung. Amtsblatt des Reichsministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung und der Unterrichtsverwaltungen der Länder 1936, 525 (30. 11. 1936); 1939, 484 (8. 9. 1939); 1944, 213 (5. 9. 1944).
19.
Vgl. Klaus-Peter Eich, Schulpolitik in Nordrhein-Westfalen 1945 - 1954, Düsseldorf 1987, bes.S. 53ff.
20.
Vgl. die Neufassung vom 12 11. 1956 als Beilage zum Amtsblatt des Kultusministeriums NRW 1957, H. 1, S. 1 - 10.
21.
Vgl. Amtsblatt des Kultusministeriums NRW 1960, S. 97; 1963, S. 154; 1965, S. 177 - 188.