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24.11.2008 | Von:
Rainer Bölling

Das Tor zur Universität - Abitur im Wandel

Die Oberstufenreform 1972

Eine einschneidende Veränderung bedeutete die Vereinbarung der Kultusminister zur Neugestaltung der gymnasialen Oberstufe vom Juli 1972.[22] An die Stelle der überkommenen Schultypen mit Unterricht im Klassenverband trat jetzt das Kurssystem in der Oberstufe, das den Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit bot, individuelle Schwerpunkte zu setzen. In drei Aufgabenfeldern, dem sprachlich-literarisch-künstlerischen, dem gesellschaftswissenschaftlichen und dem mathematisch-naturwissenschaftlich-technischen, sollen "grundlegende Einsichten in fachspezifische Denkweisen und Methoden" exemplarisch vermittelt werden. Das Lernangebot der reformierten Oberstufe besteht aus Grundkursen, die zumeist drei Wochenstunden umfassen, und zwei fünf- bis sechsstündigen Leistungskursen, die vertieftes wissenschaftspropädeutisches Verständnis und erweiterte Kenntnisse vermitteln sollen. Die Leistungen in der Qualifikationsphase (Jahrgangsstufe 12 und 13) gehen zu zwei Dritteln in die Gesamtnote ein, die in einem Punktesystem ermittelt wird. Die Abiturprüfung selbst besteht nur noch aus je einer schriftlichen Prüfung in den beiden Leistungskursen und einem Grundkurs sowie einer mündlichen Prüfung in einem weiteren Grundkurs. Zudem können die Abiturienten in vielen Fächern bei den schriftlichen Prüfungen unter mehreren Aufgaben auswählen.

Nachdem Hochschulvertreter eine nachlassende Studierfähigkeit der Abiturienten beklagt hatten,[23] sollten die Schülerinnen und Schüler durch die Oberstufenreform und die individuelle Spezialisierung besser auf ein Studium vorbereitet werden. Andererseits führten die nach Georg Pichts Warnung voreinem drohenden Akademikermangel (1964)[24] stark ansteigenden Studierendenzahlen dazu, dass der für das Medizinstudium schon bestehende Numerus clausus auf zahlreiche weitere Fächer ausgeweitet wurde. Dass die Abiturnoten nun das Hauptkriterium für die Vergabe von Studienplätzen bildeten, konterkarierte die Reform. Denn mancher Schüler machte seine Entscheidungen über Kursfächer nicht nur von Interessen und Studienneigungen abhängig, sondern auch davon, in welchem Fach bzw. bei welcher Lehrerin oder welchem Lehrer sich leichter gute Noten erreichen ließen. Infolgedessen wurde die Oberstufenreform schon bald von erneuten Klagen über die unzureichende Allgemeinbildung und fehlende Studierkompetenz der Schulabsolventen begleitet.[25]

Die kontroverse öffentliche Diskussion führte zu einer Revision der Reform, bei der die Wahlmöglichkeiten der Schüler schrittweise eingeschränkt und Belegungsverpflichtungen ausgeweitet wurden. Nach der aktuellen Vereinbarung der Kultusministerkonferenz (KMK) von 2006 kann die Abiturprüfung vier oder fünf Fächer umfassen, von denen mindestens drei schriftlich und eines mündlich geprüft werden. Zwei von ihnen müssen das Fach Deutsch, eine Fremdsprache oder Mathematik sein. Zudem sind keine Leistungskurse mehr vorgeschrieben, sondern nur noch mindestens zwei "Fächer mit erhöhtem Anforderungsniveau".[26]

Diesen Spielraum hatte schon vor Jahren Baden-Württemberg genutzt, in dem die Leistungskurse abgeschafft wurden und jetzt unter den vier schriftlichen Abiturfächern die drei vierstündig unterrichteten "Kernkompetenzfächer" Deutsch, Mathematik und eine Fremdsprache obligatorisch sind. Anstelle der mündlichen Prüfung in einem weiteren Fach kann auch eine besondere Lernleistung eingebracht werden.[27] Ähnliche Regelungen mit fünf Abiturfächern haben so unterschiedliche Länder wie Bayern und Mecklenburg-Vorpommern getroffen, und weitere tendieren in diese Richtung. Mit der Stärkung der ehemaligen Hauptfächer nähert sich die Entwicklung wieder dem Stand vor der Oberstufenreform, wenngleich die Abiturfächer nicht mehr durch festgeschriebene Schultypen vorgegeben sind. Der zu erwartende Rückgang der Schülerzahlen dürfte aber dazu führen, dass künftig viele Gymnasien nur noch ein begrenztes Fächerspektrum anbieten können.

Fußnoten

22.
Text bei O. Anweiler (Anm. 4), S. 168 - 171. Alle grundlegenden Bestimmungen auf dem Stand von 1988/89 bei Arno Schmidt, Das Gymnasium im Aufwind, Aachen 19942, S. 420 - 471.
23.
Vgl. Ulrich Schäfer, Länderstudie Deutschland, in: Wolfgang Mitter (Hrsg.), Wege zur Hochschulbildung in Europa, Köln 1996, S. 219 - 290, hier S. 228.
24.
Vgl. Georg Picht, Die deutsche Bildungskatastrophe, Olten 1964.
25.
Vgl. die Stellungnahmen der Westdeutschen Rektorenkonferenz und des Hochschulverbandes aus den Jahren 1977 bis 1987, in: A. Schmidt (Anm. 22), S. 489 - 504.
26.
Vereinbarung zur Gestaltung der gymnasialen Oberstufe in der Sekundarstufe II, in: www.kmk.org/fileadmin/veroeffentlichungen_
beschluesse/2008/2008_10_24_VB_Sek_II.pdf
(31.10. 2008).
27.
Leitfaden für die gymnasiale Oberstufe - Abitur 2008, S.11 f., in: www.km-bw.de/servlet/PB/-s/1h1jfgi1iq31u2an9iyy19 i8c4a1h j uo56 / show / 1183199 /Leitfaden08Internet.pdf (31.10. 2008).