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14.11.2008 | Von:
Carsten Dams

Die Polizei in Deutschland 1945 - 1989

Die langen 1960er Jahre: 1959 bis 1973

Nach der Phase der Restauration des Polizeisystems in der Bundesrepublik der 1950er Jahre stellte der gesellschaftliche Wandel der 1960er Jahre die Polizei vor völlig neue Aufgaben. Die so genannten "Halbstarken"-Krawalle zwischen 1956 und 1959 waren ein Vorbote des gesellschaftlichen Wandels und gaben einen ersten Vorgeschmack auf das, was zehn Jahre später passieren sollte.

Die Ausbildung der Schutzpolizisten in den kasernierten Bereitschaftspolizeieinheiten und auch der Führungsstil der Vorgesetzen blieben bis zum Ende der 1960er Jahre den militärischen Vorbildern verhaftet. Dies ist keine Überraschung, ist doch ein Großteil der Oberbeamten der Schutzpolizei in der Weimarer Republik polizeilich sozialisiert worden. Diese "Patriarchen" bestimmten lange Zeit das Klima und die Umgangsformen innerhalb der Polizei: Ordnung, Sauberkeit und Kameradschaft galten als Leittugenden.[10]

Allerdings hatte sich, bedingt durch technische Neuerungen, die alltägliche Polizeiarbeit bereits ab der Mitte der 1950er Jahren gewandelt: Die Einführung von Funkstreifenwagen ermöglichte die Schaffung von Großrevieren, die nicht mehr nach dem "Prinzip der Fußstreife" angelegt werden mussten. Diese Neuerung wurde von der Bevölkerung und der Polizeiführung durchaus zwiespältig beurteilt: Durch die Motorisierung befürchtete man einen zunehmenden Kontaktverlust zwischen Bürgerinnen und Bürgern und Polizei. Neben der technischen Modernisierung kam es aber auch zu grundlegenden organisatorischen Veränderungen. Mehrere Reorganisationen der Länderpolizeien in der Bundesrepublik folgten bis heute.

In den Jahren zwischen 1967 und 1972 vollzog sich ein Umbruch in den Polizeien der Bundesrepublik. Es war nicht nur der gesellschaftliche Druck von außen, der zu tief greifenden Polizeireformen führte. Eine neue Generation von Führungskräften in der Polizei selbst drängte auf moderne Einsatzkonzepte und neue rechtliche Regelungen, wie etwa auf die Änderung des Versammlungsrechts. Auch das Idealbild des Polizisten änderte sich: Das Saarbrücker Gutachten von 1972 enthält die Vision des Polizeibeamten als Sozialingenieur. Die wissenschaftliche Fundierung der praktischen Polizeiarbeit wurde zum Leitbild erhoben, die Polizei nun endgültig der zivilen Welt zugerechnet und nicht mehr als militärische oder paramilitärische Institution angesehen. Dies zeigt sich auch an der Ausbildung der Beamten des gehobenen Dienstes, die seit Beginn der 1970er Jahre zunehmend an Polizei- und Verwaltungsfachhochschulen erfolgte.

Doch den Reformen stand ein nicht unerheblicher Beharrungswille innerhalb der Polizei entgegen. Die Unsicherheit in der Gesellschaft, wie ihre Polizei denn nun sein sollte, und die Unruhe in der Polizei selbst schlugen sich auch im öffentlichen Diskurs nieder: Das Magazin "Der Spiegel" widmete dem Thema im Februar 1973 eine elfseitige Titelgeschichte.[11] In dieser äußerte der stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, der Schutzpolizeidirektor Kurt Gintzel, die Befürchtung, dass die Reformbestrebungen, eine bürgernahe Polizei zu schaffen, durch den aufkommenden Terrorismus gefährdet seien.

Fußnoten

10.
Vgl. Klaus Weinhauer, Schutzpolizei in der Bundesrepublik. Zwischen Bürgerkrieg und Innerer Sicherheit: Die turbulenten sechziger Jahre, Paderborn u.a. 2003, S. 102 - 116.
11.
Vgl. Befehl und Gehorsam - das geht nicht mehr, in: Der Spiegel, Nr. 6 vom 5.2. 1973, S. 38 - 57.