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10.10.2008 | Von:
Michael Hennes

Das pazifische Jahrhundert

Die Zukunft der NATO

Die Atlantische Allianz wurde 1949 als ein Verteidigungsbündnis zum Schutze Europas gegründet. Mit dem Ende des Ost-West-Konfliktes ist die territoriale Beschränkung obsolet geworden. In Europa kann sich keine Militärmacht der Erde einen Angriff auf ein Bündnismitglied der NATO leisten. Die Übermacht der Atlantischen Allianz ist auf Grund der amerikanischen Schutzgarantie überwältigend. Aus diesem Grunde drängen die ehemals kommunistischen Staaten an der Peripherie Russlands in die NATO. Längst sucht sich das Bündnis unter amerikanischem Druck seine neuen Aufgaben jenseits des traditionellen Verteidigungsbereiches. Das wichtigste Konfliktgebiet im 21. Jahrhundert ist Asien.

Die amerikanische Weltmacht ist auch im pazifischen Jahrhundert die gestaltende Kraft der internationalen Politik. Die USA werden mindestens bis zum Jahr 2050 die größte Volkswirtschaft der Erde bleiben. Wahrscheinlich werden die hohen Wachstumsraten Chinas dem Gesetz vom abnehmenden Grenzertrag folgen und sich den durchschnittlichen Wachstumsraten der restlichen Welt annähern. Dann würde die weltwirtschaftliche Führungsposition der Vereinigten Staaten, die heute knapp ein Drittel des weltweiten Bruttoinlandsproduktes erwirtschaften,[14] bis weit in die zweite Hälfte des Jahrhunderts hinein erhalten bleiben. Deutlich länger dürfte sich die militärische Überlegenheit der USA gegenüber allen anderen Staaten auf der Welt fortsetzen. Die Vereinigten Staaten bestreiten alleine rund 45 Prozent der weltweiten Militärausgaben.[15] Ihre dritte bedeutende Machtressource liegt allerdings in der Bündnisbildung, an erster Stelle mit den europäischen Demokratien im Rahmen der NATO. Die militärische Dominanz der US-Streitkräfte hängt auch von der Lastenteilung, den Stationierungsrechten und den militärischen Beiträgen der europäischen Verbündeten ab. Deshalb spielt das Atlantische Bündnis eine zentrale Rolle für die amerikanische Weltpolitik bis in den asiatischen Kontinent hinein. Eine "Verschweizerung" der Europäer würde für die amerikanische Außenpolitik zu gravierenden Problemen führen.

Deutschland kann sich aus Konflikten in Asien heraushalten. Das ist das Glück der europäischen Insellage. Für die Weltmacht USA ist die eigene Hegemonie insofern ein Fluch, als sich aus der Verlagerung des Gravitationszentrums der Weltpolitik nach Asien Aufgaben ergeben, denen sich Washington nicht verweigern kann. Für die Vereinigten Staaten kommt es entscheidend darauf an, Europa weiter in der weltpolitischen Verantwortung zu halten und damit in die Konflikte des asiatischen Kontinents zu verstricken. Vor diesem Hintergrund fordert der republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain den Aufbau einer "League of Democracies" (in Anlehnung an den Völkerbund, die "League of Nations").[16] Im pazifischen Jahrhundert strebt die amerikanische Politik nach einer neuen Lastenteilung in einer Weltgemeinschaft der Demokratien unter amerikanischer Führung. Die NATO ist der Mikrokosmos dieser amerikanischen Vision.

Fußnoten

14.
Im Jahr 2006 betrug das BIP der USA 13,2 Billionen US-Dollar und das kumulierte BIP der Welt 48,2 Billionen US-Dollar; vgl. IMF Database, in: http://imf.org/external/pubs/ft/weo/2007/
02/weodata/download.aspx (18. 8. 2008).
15.
Vgl. die Military Expenditure Database des Stockholmer Friedensforschungsinstitutes sipri, in: www.sipri.org/contents/milap/milex/
mex_database1.html (18. 8. 2008).
16.
Vgl. John McCain, An Enduring Peace Built On Freedom, in: Foreign Affairs, 86 (2007) 6, S. 25f.; ders., U.S. Foreign Policy: Where We Go From Here. Address to the World Affairs Council, Los Angeles, 26.3.2008, S. 2, in: www.lawac.org/speech2007 - 08McCain,%20John%202008.pdf (18. 8. 2008).