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10.10.2008 | Von:
Michael Hennes

Das pazifische Jahrhundert

Der Aufstieg Chinas

Dennoch wäre es ein fataler Fehler, wenn die Europäer auf einen isolationistischen Kurs verfielen. Gute Geschäfte werden auf Dauer nur bei Übernahme politischer Verantwortung zu machen sein. Seit dem Zeitalter des Imperialismus folgt der Handel der Fahne. Zwar ist die politische Machtausdehnung heute nicht mehr mit der Eroberung und Besetzung fremder Territorien verbunden, aber politische Einflussnahme geht nach wie vor der wirtschaftlichen Kooperation voraus. Die Entwicklungshilfe hat deshalb eine strategische Bedeutung für die deutsche Außenpolitik und den deutschen Handel. Für die Vereinigten Staaten sind Japan, China und auf längere Sicht auch Indien die zentralen Partner. China ist bei einem Handelsvolumen von 387 Milliarden Dollar im Jahr 2007 bereits der zweitgrößte Handelspartner der USA, übertroffen nur noch vom Nachbarn Kanada.[20] Gleichzeitig überragt das bilaterale Defizit der Vereinigten Staaten mit China mit weitem Abstand das Minus der USA mit jedem anderen Land (Tabelle). Das zweite große Handelsproblem der USA liegt ebenfalls im pazifischen Raum - in Gestalt des Bündnispartners Japan. Das bilaterale Defizit mit China ist infolge der zunehmenden Senkung der Zollsätze und der Globalisierung der Wirtschaftsbeziehungen seit dem WTO-Beitritt Chinas im Jahr 2001 kontinuierlich angestiegen (Grafik). Nach den Präsidentschaftswahlen werden die amerikanisch-chinesischen Wirtschaftsbeziehungen oberste Priorität für die neue Administration genießen.

Sowohl China als auch Japan bedienen sich aus amerikanischer Sicht unfairer Handelspraktiken. Seit dem Japan-Besuch von Präsident George Bush sen. im Januar 1992, bei dem eine Delegation amerikanischer Automobilmanager zum Gefolge gehörte, mahnt Washington immer wieder eine stärkere Öffnung des japanischen Marktes für amerikanische Produkte an. Im Falle Chinas konzentrieren sich die Forderungen auf Maßnahmen gegen Produktpiraterie. Für die EU wird es in Zukunft entscheidend darum gehen, mit der amerikanischen Einflussnahme in Asien Schritt zu halten. Die US-Außenpolitik erkennt in China heute weit mehr den dynamischen Wachstumsmarkt als eine mögliche militärische Bedrohung. Der Koordinator der amerikanischen Geheimdienste, J. Michael McConnell, hat in einer Stellungnahme vor dem US-Kongress eine militärische Bedrohung durch China verneint: Das Reich der Mitte strebe nicht nach territorialer Expansion, sondern nach wirtschaftlichem Erfolg und weltweitem Marktzugang.[21]

Eine Bedrohung entsteht langfristig nur, wenn die Kooperation mit dem Westen scheitert. Die Verschiebung des weltpolitischen Gravitationszentrums nach Asien bedeutet auch aus Sicht von Henry Kissinger, dass die Vereinigten Staaten entweder mit Peking auf Dauer kooperieren oder in einen neuen Konflikt im Stile des Kalten Krieges geraten werden.[22] Washington setzt auf die Zusammenarbeit. Die Kooperationsbereitschaft wird von der Erfahrung getragen, dass durch wirtschaftliche Zusammenarbeit und kulturelle Öffnung autoritäre Regime langsam von innen heraus aufweichen. Tatsächlich dokumentieren die innenpolitischen Veränderungen Chinas seit den 1979 begonnenen Wirtschaftsreformen unter Deng Xiao Ping den Erfolg des Wandels durch Annäherung.

Fußnoten

20.
Vgl. Top Ten Countries with which the U.S. Trades, December 2007, in: www.census.gov/foreign-trade/top/dst/2007/12/balance.html (20. 8. 2008).
21.
Vgl. J. Michael McConnell, Annual Threat Assessment of the Director of National Intelligence for the Senate Armed Services Committee, Washington DC, 27. 2. 2008, S. 31, in: www.armed-services.senate.gov/statemnt/2008/
February/McConnell%2002-27-08.pdf (11. 8. 2008).
22.
Vgl. H. Kissinger (Anm. 1), S. A14.