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1.10.2008 | Von:
Geoffrey V. Davis

Das Imperium schreibt zurück: Postkoloniales Drama

Der Beitrag befasst sich mit dem postkolonialen Drama in englischer Sprache. Thematisiert werden sein Bestreben, koloniale Geschichte neu zu interpretieren, sowie das Zusammenwirken europäischer und indigener Theaterformen.

Einleitung

Postkoloniales Drama in englischer Sprache gehört zu den bedeutendsten und spannendsten Erscheinungen des zeitgenössischen Theaters. Es handelt sich um eine Form des Dramas, die weit gehend politisch ist, sich mit westlichen Texten und Aufführungspraktiken auseinandersetzt und somit gelegentlich zu einer Herausforderung für das herkömmliche westeuropäische Drama wird. Zudem ist sie eine Theaterform, die erheblichen Einfluss ausübt, trotzdem aber von Theaterkritikern und -wissenschaftlern bisher zu Unrecht vernachlässigt worden ist.






Aus politischer Sicht versteht man unter anglophonem postkolonialem Drama zunächst Werke aus Ländern, die einst von Großbritannien kolonisiert worden sind. (Demgemäß gibt es ähnliche Phänomene in den einstigen französischen, spanischen und portugiesischen Kolonien.) Von ihrer geographischen Herkunft her - und so wird der Bereich fachlich (nicht ganz logisch) eingegrenzt - sind es Theatertexte aus Australien, Neuseeland, Kanada, der Karibik, Südasien (vor allem Indien) sowie aus West- und Ostafrika und dem südlichen Afrika (vor allem Südafrika, aber auch Zimbabwe und Namibia).

In der Kolonialzeit waren die genannten Gebiete entweder Siedlerkolonien, Länder, in denen sich Weiße niederließen und geblieben sind (Australien, Neuseeland, Kanada und Südafrika), oder aber besetzte Länder (in Südasien, in der Karibik und in Afrika), welche die Europäer nach der Entkolonisierung weitgehend wieder verlassen haben. Eine von der britischen Kultur stärker geprägte Tradition hat sich bis heute in den ehemaligen Siedlerkolonien erhalten, während dies in den besetzten Gebieten, besonders nach Abzug der Kolonisatoren, kaum noch der Fall ist. Die Situation in den Siedlerkolonien war von Anfang an ambivalent, da die Siedler nicht nur selbst eine von Großbritannien kolonisierte Bevölkerung bildeten, sondern wiederum auch die Einheimischen im eigenen Lande kolonisierten und, blickt man etwa auf die Lage von australischen bzw. kanadischen Ureinwohnern, dies bis heute tun.

Wenn wir das hier zu besprechende Drama als "postkolonial" bezeichnen, heißt das, dass wir es vor allem in Bezug zur imperialistischen Geschichte Großbritanniens, zum kolonialen System sowie zum Prozess der Entkolonisierung betrachten. Es handelt sich um Dramen, die sich als Auseinandersetzung mit dem Diskurs der Kolonisation verstehen, sich als Intervention in gesellschaftliche Verhältnisse gestalten, die also im Wesentlichen politisch sind.

Der Begriff Postkolonialismus ist indes nicht frei von Widersprüchen und mittlerweile ziemlich umstritten. Zu den Einwänden gehört die Vorstellung, dass er stets den Bezug zum Kolonialismus in den Vordergrund stellt, als habe es keine eigenständige einheimische Kultur außerhalb des kolonialen Blickfelds gegeben. Ein weiterer gravierender Nachteil des Begriffs entstammt der politischen Wirklichkeit: In den ehemaligen Siedlerkolonien empfinden viele indigene Völker ihre Umwelt keineswegs als post-, sondern viel eher als neo-kolonial. Helen Gilbert und Joanne Tompkins weisen auf die verschiedenen Formen des Neokolonialismus hin, welche die globale Welt bestimmen und die keineswegs nur britischen bzw. westeuropäischen Ursprungs sind.[1] Wie mir eine Vertreterin der kanadischen first nations, der indigenen Völker Kanadas, neulich schrieb: "Ich habe das post in Postkolonialismus noch nicht entdeckt."

Fußnoten

1.
Helen Gilbert/Joanne Tompkins, Post-Colonial Drama: Theory, Practice, Politics, London-New York 1996.