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1.10.2008 | Von:
Wolfgang Bergmann

Theater im Fernsehen

Das Ende der fetten Jahre

Die Mechanismen des Massenmediums kennen wir in vollem Umfang erst seit Einführung des dualen Systems, also des Privatfernsehens Mitte der 1980er Jahre. Nun war kein Halten mehr, die Programmschemata von bildungsbürgerlichem Kulturauftragsballast zu befreien. Mit der täglich abrufbaren Einschaltquote als allein gültiger Bewertung des Erfolgs war das geeignete Instrument gefunden. Mit flinker Sichel wurden "notwendige Einschnitte" ins Programm vorgenommen. Theaterübertragungen standen senderübergreifend auf Platz 1 der Todeslisten programmoptimierender Direktoren. Gleichzeitig witterten Theatermanager Morgenluft und sahen in der Einführung des Privatfernsehens und in der dadurch vermuteten Öffnung des Marktes eine neue Chance zur Verbreitung ihrer Aufführungen. Um den vermeintlichen Programmhunger der Privaten nach hoch kultureller TV-Ware vorauseilend zu stillen, wurde eine kleine, selbstfinanzierte Aufzeichnungsreihe gestartet. Es entstand eine Trilogie, zu der Uwe-Jens Jensens Bochumer Polit-Revue "Unsere Republik", eine Shakespeare Komödie von Dieter Dorn an den Münchner Kammerspielen und "Wunder in Amerika" von der Württembergischen Landesbühne Esslingen unter Friedrich Schirmer gehörten.

Alle drei Aufzeichnungen erwiesen sich bei den Privatfunkern als unverkäuflich. Einziger Kunde war eine finanziell schwach bestückte öffentlich-rechtliche Neugründung: 3sat, das Satellitenprogramm von ZDF, schweizerischem und österreichischem Fernsehen, im Dezember 1984 erstmals zu sehen und in der Folgezeit verlässlichste Heimat für die Schönen Künste deutscher Sprache. Denn das Theatersterben in den öffentlich-rechtlichen Programmen ARD, ZDF und dann auch in den Dritten Programmen der ARD ging noch schneller voran, als zu befürchten war. Der Quotendruck übernahm Regie. Das "Redakteurfernsehen" hatte weitgehend ausgedient, von einer bildungsbürgerlich-pädagogisch durchwirkten Programmstrategie konnte fortan keine Rede mehr sein.

Doch es war gar nicht das Ende, sondern es sollte ein neuer Anfang werden, an dessen Zustandekommen ein "Fähnlein der sieben Aufrechten" mitwirkte, das sich in einer "Initiative Theater im Fernsehen" zusammenfand. Das war Anfang der 1990er Jahre, als das Ende der ZDF-Reihe "Die aktuelle Inszenierung" beschlossen und weit und breit kein öffentlich-rechtlicher Widerstand zu spüren war. Einige wenige Theater- und Fernsehleute sahen die Gefahr eines vollkommenen Abrisses im gerade mal ein paar Jahrzehnte jungen visuellen Gedächtnis des alten, flüchtigen Mediums Theater. Und sie erkannten den möglichen Schaden. Denn neben der aktuellen Nutzung der Ausstrahlung einer Theaterinszenierung ist ihr archivarischer Wert von ungleich höherer Bedeutung - wurde hier doch, zunächst unbeabsichtigt, an einer visuellen Enzyklopädie des deutschsprachigen Theaters gearbeitet, die das 2500 Jahre lang nicht dokumentierbare Kulturphänomen Theater erstmals in Bild und Ton festzuhalten vermochte.

Diese Reihe zu unterbrechen, wäre kurzsichtig und kulturhistorisch betrachtet fahrlässig gewesen. Aber weitermachen wie bisher ging auch nicht: zu teuer die Aufzeichnungen, zu behäbig die Aufzeichnungsmethode und zu altbacken die Form der optischen und akustischen Umsetzung von Bühneninszenierungen. Dabei hatte es bereits zuvor hoch interessante Versuche gegeben, Theater zeitgemäß ins Fernsehen zu bringen. Gerade "Die aktuelle Inszenierung" hat bis heute beispielgebende TV-Adaptionen hervorgebracht, mit innovativen Regisseuren wie Peter Stein, Andrzej Wajda, aber auch Luc Bondy. Unter den Fernsehregisseuren machte sich C. Rainer Ecke einen Namen, weil er neue, verfremdende Techniken der elektronischen Bildbearbeitung für seine Theateradaptionen verwendete. Legendär ist eine in Zeitlupe versetzte Szene aus einer Romeo und Julia-Inszenierung des jungen Leander Haußmann am Residenztheater in München: für Theaterpuristen damals ein Skandal, für andere ein überfälliger fernsehästhetischer Aufbruch.

Die erste Aufgabe dieser kleinen, erstmals 1995 in Frankfurt am Main in der Deutschen Akademie für Darstellende Künste sich versammelnden Initiative bestand darin, ein Winterquartier für Theater im Fernsehen zu finden. Denn das mit diesem vermeintlich aussterbenden Genre im medienbesoffenen Deutschland der 1990er Jahre kein Staat zu machen sein würde, darüber war man sich im Klaren. Das Winterquartier hieß 3sat, das junge, werbefreie Kulturprogramm, und gespeist wurde am Tisch des Berliner Theatertreffens, dessen Tage ebenfalls gezählt schienen wegen Bedeutungswegfall infolge gefallener Mauer. Gemeinsam sind wir stark, machen ein Festival für Theater gleichzeitig auf Berliner Bühnen und im Fernsehen und sichern so die Fortsetzung der Theateraufzeichnungen herausragender Inszenierungen.

Seither sind gegen hundert herausragende Inszenierungen entlang der Einladungsliste des Berliner Theatertreffens und darüber hinaus entstanden und zum Teil mehrfach ausgestrahlt worden. Zunächst live aufgenommen, inzwischen aufwändig vorbereitet und nachbearbeitet. Ein Theatermagazin (FOYER), das einzige im deutschsprachigen Raum, ist entstanden, und viele andere Formen der Dokumentation und Berichterstattung. Mit der Eröffnung des ZDFtheaterkanals im Dezember 1999 kam ein digitaler Spartenkanal hinzu, der das Repertoire erlebbar macht und das Angebot um eine ganze Reihe von zusätzlichen Komponenten erweitert hat. Der Kulturkanal ARTE ist eine andere bedeutende Plattform, über die Theaterprogramme Verbreitung finden, wenn auch inzwischen nur noch zu später Sendezeit und auf ausgewählten Sendeplätzen.