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1.10.2008 | Von:
Wolfgang Bergmann

Theater im Fernsehen

Generation Fernsehen: Mehr Licht und leiser bitte

Die Neuordnung der Beziehung zwischen Theater und Fernsehen, der Aufbruch und die Aufgeschlossenheit gegenüber Bewegtbild- und Videotechnik speiste sich auch aus einer ganz anderen Quelle. Sie ist Ausdruck einer neuen Generation, derjenigen der "Post-68er", die in ihrer Mehrheit erstmals mit dem Fernsehen als elektronischem Lagerfeuer aufgewachsen ist. "Flipper", "Lassie", "Daktari", "Raumschiff Enterprise", "Ein Herz und eine Seele", "Dallas": Für jeden mag das Fernsehgeknister seiner Zeit Favoriten und Unbekannte haben, aber generell haben die Serienfilme auf dem virtuellen Marktplatz Bildschirm eineinhalb Generationen einen Teil ihrer Identität gegeben, ob sie es heute noch hören und sehen wollen oder nicht. Und wie das einstige Jahrmarktmedium Film hat sich die Massenklischeemaschine Fernsehen nicht nur ihren Weg gebahnt, sondern ist Bestandteil des großen Malkastens geworden, aus dem sich Künstler, zumal wenn sie für das Theater arbeiten, bedienen, wenn sie die Augen und Ohren des Publikums erreichen wollen.

Also wurden Methoden und Techniken, vor allem aber die Erzählweise des Fernsehens von einer neuen Generation von Theaterkünstlern auf der Bühne ausprobiert. Ganz oder in Teilen, imitiert, ironisiert, als Stückwerk benutzt, neudeutsch "dekonstruiert" oder schlicht auf die Bühne gekotzt: "Da, Medienbürger, guck dir an, was du jeden Tag frisst, und beklage nicht die Verwahrlosung, die wir dir vorführen, denn es ist deine eigene Verwahrlosung, dein eigener geistiger Niedergang." Das ist, simpel ausgedrückt, die Botschaft der Schlingensiefs, der Polleschs und Castorfs. Sie haben sich die Medienwelt angesehen, sie inhaliert, gefügig gemacht und eingerichtet für die Bühne. Ihre Ästhetik wäre ohne das Fernsehen nicht zu denken. Obwohl sie es hassen, lieben sie es auch - wie Fast Food.

Es ist noch an einen weiteren formalen Aufbruch des Theaters zu erinnern, um die Neubestimmung der feindlichen Medienbruderschaft mit den Bewegtbildern zu verstehen. Ende der 1980er Jahre machte ein Franko-Kanadier namens Robert Lepage seine ersten Ausflüge nach Europa und zeigte uns ein Theater, dem unsere Augen nicht trauen. In Le Polygraph beispielsweise bricht er mittels einer neuartigen Technik von Videoprojektionen die Geometrie der Bühne auf und erzeugt bisher nie bekannte Bilder. Lepage ist seither nicht müde geworden, Hybridformen zwischen Film, Videoinstallation und Theater zu kreieren, bespielbare Cinemascope-Schlitze etwa in seinen Shakespeare-Werken und die Überwindung der Gravitation in seiner spektakulären Las Vegas-Show "Ka" mit dem Cirque du Soleil. "Ex Machina" heißt seine Zauberwerkstatt in Quebec; jetzt arbeitet er an einer "Ring"-Inszenierung für die Metropolitan Opera in New York, die dieser medialen Erweiterung des Bühnenraums eine weitere Dimension hinzufügen wird.

Betrachtet man die "reine Form" der Fernsehadaption von Bühnenaufführungen, so ergeben sich eine Reihe von Problemen, die nicht leicht zu lösen sind. Licht, Maske, Kostüme, Bühnen und last not least die Dramaturgie sind in der Regel nicht für die Kamera gemacht. Modifizierende Eingriffe in das originäre Bühnengeschehen mögen weder die Künstlerinnen und Künstler noch das Publikum. Es bleibt in der Regel nur die Möglichkeit einer sanften Anpassung, beispielsweise der Lichtstimmungen, um zu harte Kontrastsprünge zu vermeiden. Aber Bühnenschweiß, Schreie und Spucke bleiben im Fernsehbild ein ungewöhnliches, für manchen abstoßendes Erlebnis, und es gehört Abstraktionsvermögen dazu, als Zuschauer vor dem Bildschirm dem Bühnengeschehen entspannt folgen zu können.

Das gilt nicht für jede, aber für manche Theaterinszenierung, und manchmal ist es so, dass eine im Zuschauerraum goutierte Aufführung auf dem Weg in den Fernsehsessel viel verliert. Deshalb haben wir auf manche Aufzeichnung trotz hohem künstlerischen Niveau des auf der Bühne Vorgefundenen verzichtet. Es gibt auch Fälle, die uns eines Besseren belehren. Erinnerlich ist eine vorab vereinbarte Aufzeichnung einer Othello-Inszenierung des Belgiers Luk Perceval zur Eröffnung der Münchner Kammerspiele nach der Renovierung. Ein Ereignis zweifellos, doch die Hauptprobe bringt Licht ins Dunkel, jedoch von der falschen Seite: Lichtmeister Max Keller, ein Virtuose seines Fachs, hat die Bühne schwarzweiß ins Gegenlicht geleuchtet. Der Mohr von Venedig ist in eine hart kontrastierte Welt aus Ying und Yang getaucht. Wir sehen nicht, wie es gelingen soll, ein solches Bild authentisch einzufangen. Dem Fernsehregisseur Hannes Rossacher, neben Peter Schönhofer und Andreas Morell einer der Spezialisten, ist zu verdanken, dass wir bleiben. Er zaubert mit mobilen Kameras und ungewöhnlichen Winkeln und Perspektiven ein optisches Kabinettstück unter Mithilfe und Dank der Vorarbeit des Bühnenregisseurs Perceval, der es selbst gewohnt ist, mit der Kamera zu arbeiten. Am Ende stehen wir staunend vor einem Aufzeichnungsergebnis, das die Inszenierung in selten geglückter Art und Weise repräsentiert, ohne sie aus Zuschauerperspektive abgefilmt zu haben.

Überhaupt, die Zuschauerperspektive. Immer wieder taucht die Frage auf, ob das Fernsehen den Blick des Zuschauers nicht bevormundet und ein authentisches Theatererlebnis verunmöglicht. Diese Diskussion ist aus zwei Gründen sinnlos. Erstens gibt es keine generelle Zuschauerperspektive, nicht im Theater und auch nicht vor dem Fernseher. Und zweitens würde niemand, der das schwierige Geschäft der Fernsehadaption von Theaterstücken betreibt, behaupten, er vermittle ein authentisches, unverändertes Bild des Bühnengeschehens. Es sind einfach zweierlei Paar Schuhe, mit denen man allerdings auf ein und dem selben Pfade wandelt.

Aber die Grenzen des Bühnengeschehens und die Physik des Bühnenraums beschränken auch die Möglichkeiten des Filmischen bei der fernsehtechnischen Adaption. Das betrifft mehr noch den Ton als das Bild: Trotz Einsatz von Mikroports und inzwischen hoch komplexen Raumton-Aufnahmeverfahren bleibt die Achillesferse der Bühnenaufzeichnung vorläufig der Ton. Selbst wenn in der Bühnenaufführung ursprünglich Mikroports zur Saalbeschallung am Schauspieler Verwendung finden, ist die Wirkung im Fernsehen häufig verstörend. Dynamiksprünge und ein falsches Verhältnis zwischen Kameradistanz und akustischer Distanz können zu dieser Irritation beitragen.