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1.10.2008 | Von:
Wolfgang Bergmann

Theater im Fernsehen

Event, Event, ein Lichtlein brennt!

Es lehrt uns das Theater: Gespielt wird auf der Bühne, und das Spiel kann lange dauern, sehr lange - manchmal zu lange für den von Natur aus ungeduldigen Fernsehzuschauer, dessen Verweildauer vor einer Sendung nur mehr selten zweistellige Minutenzahlen erreicht. Die Eventitis hat deshalb das Kunst- und das Theaterwesen nicht ausgespart. Wahrscheinlich ist das Theater sogar Erfinder des "Events". Aber das Ereignis als conditio sine qua non der Mediengesellschaft trägt seltsame Blüten und beginnt die Optik für Qualität im Spiel nachhaltiger zu verzerren, als es Fernsehkameras allein je tun könnten. In der Endphase des Römischen Reiches entdeckten die Theaterbetreiber der vielen hundert über das Reich verstreuten Arenen die Pornographie als letzten funktionierenden Publikumsmagneten. Die Schauspieler mussten allerlei Nackedeien vorführen, um die hohen Ränge zu füllen und damit auch die Kassen.

So funktioniert es, das Diktat der Quote, und so endet die Gier nach dem Ereignis. In der Prostitution der Kunst zum Zwecke des Kommerzes, im Ausverkauf der Protagonisten vor der johlenden Masse und ihren Sommernachtsphantasien. Es ist so einfach wie müßig, das zu beklagen. So lange die Gesetze des Marktes alles in ihren Bann schlagen, so lange Akzeptanz mit Masse gleichgesetzt wird, so lange wird das eskalierende Eventwesen die öffentliche Wahrnehmung auch der Kunst bestimmen, so lange hängt von Anna Netrebko, die gut aussieht, großartig singt und herzlich gerne in und mit der Öffentlichkeit spielt, das wirtschaftliche Wohl und Wehe der Oper ab. Der Eventmähdrescher Fernsehen kann von all dem nicht genug haben, was schon Masse ist und noch mehr Masse macht. Ist es gut und richtig, den Wanderungen der Massen zu folgen? Und wenn es das Medium selbst ist, das Kunst mit Mitteln des Ereignisfernsehens in den Vordergrund zwingt, zum "Ranking" ausstellt und, wie wir jüngst bei ARTE selbst getan, Dramatiker zur Abstimmung ausruft, wer denn der Beste sei? Ist das dann vollends vom Teufel, der totale Ausverkauf vom Guten, Wahren, Schönen?

Wieder ist die Antwort nicht so einfach. Waren es doch die alten Griechen, die Erfinder des Theaters, die das Dramatiker-Ranking in den Dionysien erfunden haben und damit die Wiege bauten für unsere 2500 Jahre junge Theaterkultur, die garantiert alle elektronischen Medien überleben wird. Denn "der Mensch ist erst da ganz Mensch, wo er spielt", so Schiller. Und deshalb ist ein spielerischer Umgang mit Themen, die uns bewegen, nicht nur erlaubt, sondern vielleicht der einzige Weg, sich in einer vollständig unbegreiflichen, unübersichtlichen Welt inklusive ihrer medialen Kakophonie einigermaßen unbeschädigt zu bewegen.

So ist der spielerische Umgang mit den Gesetzmäßigkeiten der ungleichen Beziehung des zänkischen Pärchens Film und Theater vielleicht am Ende der Königsweg, um sich aus der Umklammerung der Begrenztheit der Abbildungsmethoden zu befreien. Die Wiederentdeckung des Theaterfilms, die Urbarmachung von Theaterstoffen mit den filmsprachlichen Mitteln der Gegenwart zeigt sich neuerlich als probates Mittel für die Bühne, mediales Terrain zu gewinnen. Mit den Dämonen von Frank Castorf noch auf der Basis einer Bühneninszenierung, aber befreit vom Bühnenraum gefilmt, war ein erster Schritt getan. Uwe Jansons Theaterfilm-Trilogie Baal, Lulu und Peer Gynt sowie jüngst sein Werther, aber auch Leander Haußmanns Verfilmung von Kabale und Liebe sind weitere gelungene Beispiele für eine Wiederbelebung der tot geglaubten Beziehung, und sie findet Nachahmer und staunt über internationale Vorbilder, die sogar am Markt der Blockbuster-Industrie bestehen können (Kenneth Branagh & Co.). Die Angelsachsen wie auch die Asiaten tun sich leichter, ihre kulturelle Bundeslade zu öffnen und damit Masse und meinetwegen auch Kasse zu machen, während sich in Deutschland die Gott sei Dank hoch subventionierten Hüter der Kunst noch allzu sehr in ihren Tempeln und Milieus verschanzen, um nicht gemein zu werden.