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1.10.2008 | Von:
Doris Kolesch

Politik als Theater: Plädoyer für ein ungeliebtes Paar

Theater und Theatralität

Es ist an der Zeit, diese geläufigen Auffassungen und (Vor-)Urteile grundlegend zu überdenken. Dafür können Überlegungen und Konzepte aus der gegenwärtigen Theaterforschung hilfreich sein. Die Theaterwissenschaft unterscheidet zwischen einem engen und einem weiten Theaterverständnis, zwischen Theater und Theatralität. Als Theater im engeren Sinn gilt die Kunstform Theater und alle mit ihr verbundenen Traditionen, Institutionen, Elemente und Funktionen. Theatrale Situationen hingegen sind gleichsam soziale Aufführungen. Hier präsentiert sich jemand außerhalb eines künstlerischen Kontextes, also beispielsweise in sozialen, politischen oder ökonomischen Zusammenhängen vor anderen, hier wird etwas gezeigt und von einem Publikum wahrgenommen, kommentiert und interpretiert. Wenn Angela Merkel als Regierungschefin eine Kabinettssitzung leitet, wenn sie als Bundeskanzlerin den französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy zu Gesprächen trifft oder als Gastgeberin des G8-Gipfels in Heiligendamm andere Regierungschefs empfängt, dann spielt sie kein Theater, sondern sie agiert in einer theatralen Situation. Im Gegensatz zu einer Schauspielerin, die auf der Theaterbühne die Königin von England darstellt, spielt Merkel nicht, sie sei Bundeskanzlerin, sie ist es. Zugleich jedoch sind damit Rollenerwartungen und Funktionen an ihr Verhalten geknüpft, welche beeinflussen, wie sie reden und handeln kann und wie ihr Agieren von Anderen (also Parteifreunden wie politischen Konkurrenten, ausländischen Politikern ebenso wie Journalisten und der Bevölkerung) wahrgenommen wird. Die reale politische Situation, die unmittelbare Auswirkungen auf die Lebensverhältnisse in Deutschland oder die Beziehungen der Bundesrepublik zu anderen Staaten haben kann, ist mithin gekennzeichnet durch Prozesse der Darstellung, der Inszenierung und der Wahrnehmung, welche aus dem (Kunst-)Theater vertraut sind und entsprechend beschrieben werden können.

Wenn eine Bundeskanzlerin vereidigt oder eine Regierungserklärung abgegeben wird, wenn ein Friedensschluss oder ein Kooperationsvertrag zwischen Staaten bekannt gegeben oder ein nationaler politischer Feiertag begangen wird, dann können diese Ereignisse aufgrund ihrer theatralen Verfasstheit besonders gut und angemessen mit Theaterbegrifflichkeiten analysiert werden: Bei den genannten Ereignissen handeln Akteure mit jeweils bestimmten, vorbereiteten Aufgaben. Es gibt explizite wie implizite Normen und Regeln, die festlegen, wie die Veranstaltung abläuft, wer in welcher Funktion teilnehmen kann oder nicht, wer ans Rednerpult darf und wer nicht. Das Geschehen wird zudem für eine eigens zu diesem Anlass zusammengekommene Öffentlichkeit vollzogen. Diese Öffentlichkeit ist insofern unverzichtbar, als sie die Einsetzung einer Person in ein politisches Amt beglaubigt oder, im Falle politischer Feiern und Festtage, konstitutiver Bestandteil der Festgemeinschaft ist. Schließlich sind derartige Veranstaltungen klar gerahmt, es gibt einen festgesetzten Zeitpunkt oder Zeitraum sowie einen Ort, an welchem das Ganze stattfindet. Diese Rahmungen prägen sowohl die Verhaltensmuster als auch die Erwartungen aller Teilnehmer; so agieren die Beteiligten (einschließlich des Publikums auf den Zuschauerrängen) bei einer Vereidigung im Reichstagsgebäude anders als bei einer Festveranstaltung zum 3. Oktober vor dem Brandenburger Tor. Die genannten Beispiele sind politische Akte, in denen eine Gemeinschaft sich der Gültigkeit geteilter Werte, der Tradition wie auch der Stabilität und Legitimität ihrer politischen Ordnung sowie der Funktionalität ihrer Normen und Orientierungsmuster versichert und diese Werte und Normen zugleich aus- und darstellt.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Die Charakterisierung einer Situation als theatrales Ereignis, mithin als Inszenierung und Durchführung einer kulturellen Handlung, die von bestimmten Personen vor einem anwesenden Publikum vollzogen wird, schmälert weder die Bedeutung des Geschehens noch zieht sie dessen Ernsthaftigkeit oder gar Realitätsgehalt in Zweifel. Der Begriff des theatralen Ereignisses zielt vielmehr darauf ab, die spezifischen historischen und kulturellen Bedingungen zu vergegenwärtigen, in denen Menschen sich bewegen. Er führt die Gemachtheit und Konstruiertheit gesellschaftlicher Verhältnisse vor Augen. Wer seinen Blick auf die Theatralität einer Situation richtet, der schreibt dieser Situation keineswegs den Status des bloßen Scheins oder der unverbindlichen Fiktion zu, sondern er versucht Einblick zu erlangen in die Verfahren, die Techniken und Strategien, auch Einsicht in die Ordnungen und Rhythmen, die das menschliche Zusammenleben prägen.

War lange Zeit von politischen Bühnen, von "Staatstheater" und von den jeweiligen Rollen, die Politiker spielen, eher im Sinne veranschaulichender und vereinfachender Metaphern die Rede, so ist aus der Metaphorik in den vergangenen Jahrzehnten Realität geworden: In dem Maße, in dem Politik sich zunehmend als mediale Inszenierung vollzieht, geht es nicht mehr nur um Entscheidungen, Programme oder Haltungen, sondern verstärkt darum, wie diese Entscheidungen und politischen Inhalte dargestellt und medial präsentiert werden.

Neben dieser Konsequenz moderner Mediengesellschaften, von der alle Lebensbereiche gleichermaßen betroffen sind, verstärkt eine weitere aktuelle Entwicklung die Theatralisierung von Politik. Im Zuge der Globalisierung schwindet der Handlungs- und Einflussbereich souveräner Staaten. Weder in ökonomischen noch in sicherheitspolitischen Fragen, weder in Sachen Umweltschutz und Klimawandel noch in drängenden Problemen der Bevölkerungspolitik und Migration kommt modernen Staaten - bis auf Ausnahmefälle - wirkliche Souveränität zu. In dieser Situation liegt es nahe, souveränes politisches Handeln zu inszenieren und prägnante Bilder vermeintlicher politischer Entscheidungskompetenz zirkulieren zu lassen, um zu verschleiern, dass der Einfluss politischen Handelns und staatlichen Eingreifens zunehmend schwindet. "Theatralisierung von Politik führt in diesem Falle also nicht zur Selbstbindung politischer Akteure oder gar zur Zähmung und Fesselung des übermächtigen Leviathan, sondern bildet im Gegenteil eine zur Beruhigung entworfene Autosuggestion, die den Eindruck erwecken soll, daß es staatliche Souveränität noch gibt und daß sie zur Geltung gebracht werden kann, wenn man nur will. Von der Vorfahrt der schweren Limousinen, früher vor dem Bonner Kanzleramt und jetzt vor dem repräsentativen Neubau in Berlin über eine mehr oder weniger staatsrepräsentative Architektur bis zu den markigen Erklärungen vieler Politiker über ihre Absichten und Ziele haben wir es danach mit dem Inszenesetzen einer Staats- und Machtsymbolik zu tun, die jedoch nur noch eine brüchige Fassade ist, weil das einstige Gebäude hinter ihr weggebrochen ist."[1]

Fußnoten

1.
Herfried Münkler, Die Theatralisierung von Politik, in: Josef Früchtl/Jörg Zimmermann (Hrsg.), Ästhetik der Inszenierung, Frankfurt/M. 2001, S. 154.