APUZ Dossier Bild

1.10.2008 | Von:
Doris Kolesch

Politik als Theater: Plädoyer für ein ungeliebtes Paar

Die Notwendigkeit der Inszenierung

Die Feststellung, dass die Theatralisierung von Politik zugenommen und sich verstärkt hat, darf allerdings nicht zu dem simplen Fehlschluss führen, "früher" sei es um Inhalte und Substanz gegangen, heute jedoch regiere Show und Entertainment. Wenngleich Neil Postman[2] und andere eine solch verfallsgeschichtliche These wortreich beschwören, wird sie durch bloße Wiederholung nicht wahrer. Vielmehr ist das Gegenteil der Fall: Jegliche politische Ordnung, jedes religiöse, moralische oder auch kulturelle Ordnungssystem ist auf Selbstdarstellung angewiesen. Insofern ist die Notwendigkeit von Selbstdarstellung und Inszenierung ein universelles Phänomen; was sich im Laufe der Zeiten und im Vergleich der Kulturen verändert und unterscheidet, sind die Techniken, Strategien und Medien der Selbstdarstellung wie auch deren Bewertung.

Politische wie soziale Hierarchien, moralische Werte und Ideale ebenso wie kulturelle Vorstellungen und Errungenschaften bedürfen zu ihrer Existenz immer auch der sinnlichen Anschauung. Schon die Zeremonien, Umzüge und Festlichkeiten, aber auch die Herrscherdarstellungen in Bildern, Statuen und Münzen sowie die Architektur von Schlössern und Palästen antiker, mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Regenten belegen, dass jegliche Norm zu ihrer Umsetzung, ihrer Wirkung und Gültigkeit der Anschaulichkeit und der konkreten Manifestation bedarf.

Dieser Umstand verstärkt und problematisiert sich gerade in modernen republikanischen und demokratischen Gesellschaften. Denn sowohl deren Leitideen und Werte (Aufklärung, Gleichberechtigung, Bürgertugend, Toleranz etc.) als auch deren Funktionszusammenhänge und Abläufe (etwa in Bezug auf den Arbeitsmarkt, den Waren- und Geldverkehr, die Verwaltung oder die sozialen Sicherungssysteme) sind durch ein Höchstmaß an Abstraktheit charakterisiert. Sie bedürfen mithin in besonderer Weise der symbolischen Darstellung und Veranschaulichung. Gleichzeitig aber entwickelte sich die bürgerliche Gesellschaft historisch in expliziter Abgrenzung von der feudalen Ordnung, welche als theatraler Mechanismus der Verstellung, Täuschung und Blendung pauschal abgelehnt wurde. Gegenüber der Rhetorik und forcierten Künstlichkeit höfischen Verhaltens stilisierte sich das Bürgertum zu einem Hort der Aufrichtigkeit, Schnörkellosigkeit und Authentizität. Ging es in der höfischen Gesellschaft nicht darum, wie jemand war, sondern wie er sich präsentierte, so drehte die bürgerliche Gesellschaft gleichsam den Spieß um: Nunmehr zählten der Charakter, das (gute) Innere und nur am Rande das -vermeintlich - Äußere, die Fassade.

Fußnoten

2.
Vgl. Neil Postman, Wir amüsieren uns zu Tode. Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie, Frankfurt/M. 1989; ders., Die zweite Aufklärung, Berlin 1999.