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1.10.2008 | Von:
Doris Kolesch

Politik als Theater: Plädoyer für ein ungeliebtes Paar

Der wahre Schein

Damit handelt sich die moderne Gesellschaft zwei schwierige Probleme auf einmal ein: Zum einen müssen alle Formen bürgerlicher Selbstdarstellung möglichst nüchtern, untheatralisch und am besten ganz "natürlich" wirken. Zum anderen wird eine nicht haltbare Weltsicht propagiert, trennt sie doch kategorisch zwischen Inhalt und Form, zwischen Realität und Schein.

Der republikanische US-Präsidentschaftskandidat John McCain versucht auf dieser Klaviatur zu spielen, wenn er in Wahlkampfspots seinen Konkurrenten Obama abzuwerten sucht, indem er die offensichtliche Tatsache zugesteht, dieser könne zwar gut reden und sich darstellen, dann jedoch die rhetorische Frage stellt: "Aber kann er auch führen?" Das Problem dieser Kampagne liegt darin, dass in der Politik gutes Reden und Sich-Darstellen keine vernachlässigbaren Größen sind. Politik hat immer mit Wahrnehmungs- und Kommunikationsprozessen zu tun. Hannah Arendt stellt in ihrem Fragment "Was ist Politik?" fest, dass sich Reden und Handeln nicht trennen lassen, weil das Reden selbst eine Form des politischen Handelns ist.[3] Reden ist nicht einfach "Verpackung", nicht bloßes In-Worte-Fassen eines oftmals als vorgängig und "eigentlich" aufgefassten politischen Handelns, sondern es ist selbst politisches Handeln.

Und für politisches Reden und Handeln gilt in besonderem Maße, was für jegliches Reden und Handeln gilt: Wir handeln, sprechen und interagieren nicht einfach so, sondern wir inszenieren unser Handeln, Sprechen und Interagieren, indem wir es für uns und andere mit Deutungs- und Regieanweisungen versehen. Dadurch sichern wir uns eine gewisse Zielstrebigkeit und Verlässlichkeit von Kommunikation und Kooperation. Zugleich öffnen gerade diese Deutungs- und Regieanweisungen Spielräume für alle Beteiligten und vergegenwärtigen das Vorläufige, Brüchige und Fragmentarische der jeweiligen Perspektive.

So zeigte sich beispielsweise in den Erklärungen und Kommentaren nach dem Rücktritt Kurt Becks als Parteichef, dass Handlungen und Entscheidungen allein keineswegs ausreichen, um eine Situation zu klären und die SPD in den Augen der Wähler, aber auch der anderen Parteien zu einem verlässlichen Partner zu machen. Denn dass Franz Müntefering die Rolle Becks übernimmt und Frank-Walter Steinmeier Kanzlerkandidat für die Bundestagswahl 2009 ist, beantwortet nicht die entscheidenden Fragen, ob dies nun einem "Rechtsruck" der SPD gleichkommt und ob die von Beck praktizierte inhaltliche Linie fortgesetzt wird. Entsprechend verwundert es kaum, dass Müntefering, Steinmeier und weitere SPD-Mitglieder in den Tagen unmittelbar nach dem Führungswechsel fast ausschließlich damit beschäftigt waren, der Öffentlichkeit mehr oder weniger konsistente Interpretationen dieses Wechsels zu präsentieren. Und selbstverständlich mischten die politischen Konkurrenten Störgeräusche in die bemühten Versuche, das Geschehen in eine schlüssige und stimmige Erzählung zu überführen.

Fußnoten

3.
Vgl. Hannah Arendt, Was ist Politik? Fragmente aus dem Nachlaß (hrsg. v. Ursula Ludz), München-Zürich 1993, S. 48. Ich danke Ulrich Sarcinelli für diesen Hinweis.